Eine Rebellion in Antonios Restaurant: Die Tochter des Hauses missachtet die väterliche Autorität. SOKRATES. Folge 302:

Uri Bülbül
Es gibt manchmal ein Flirren in der Luft, ein kurzes Herüberscheinen einer Fata Morgana aus einer anderen Dimension. Es spielt fast keine Rolle und wird nicht wahrgenommen, dauert auch kaum länger als der Bruchteil einer Sekunde, ein Lidschlag des Universums nur, und wenn es jemand spürt, ist es nie mehr als ein Déjà-vu. Mehr gibt die andere Dimension nicht preis. Warum es zu solchen Interferenzen überhaupt kommt, weiß kein Mensch. Dass es diese Interferenzen gibt, darf nicht nur bezweifelt werden, sondern wird von kaum jemandem ernsthaft angenommen. Sie führen eine unbeschriebene Nicht-Existenz. Und dabei müssen wir es wohl bewenden lassen. Flirren hin, Interferenzen her, so sehr Betti auch ihre Tochter beobachtete, achtzehn Stunden fehlten in Laras Erinnerung oder sogar in ihrem Leben – das konnte Betti nicht sagen. Sie hätte diesen Gedanken nie formulieren können, geschweige denn Konsequenzen daraus ziehen. Sie schlenderten gemächlich in den Wald, der Spaziergang wurde länger als ursprünglich gewollt, aber in Lara kam keine Erinnerung daran auf, wann und wo sie sich von Basti getrennt haben konnte. Sie schien unbeschwert und meilenweit davon entfernt, Bettis Gedanken zu bemerken oder gar zu teilen. Betti ärgerte sich sogar ein wenig darüber, dass sich Lara überhaupt keine Gedanken darüber machte, was ihre Mutter in der vergangenen Nacht durchgemacht hatte. Dann aber hatte sie auch durchaus Verständnis für ihre Tochter und war außerdem sehr froh, dass es ihr gut zu gehen schien, wenn sie mal von dem Schwächeanfall am Gartenhaus absah. Gerade als Betti vorschlagen wollte umzukehren, raschelte etwas in ihrer Nähe. Lara bemerkte es zuerst und sprang freudig überrascht darauf zu, noch ehe Betti etwas dagegen sagen konnte. Schon hob Lara ein kleines Hundebaby in die Luft: «Schau mal, Mama! Wie süß!»
«Feierabend!» Die schöne Richterin, der dicke Kommissar Hoffmann, Niklas Hardenberg aßen in Antonios Restaurant zu Mittag. In der Küche tobte Antonio wieder wütend über seine Tochter. «Du hast mir überhaupt nichts vorzuschreiben! Und wenn das nicht in dein verkalktes Hirn geht, ist es nicht mein Problem! Ich kann mich unterhalten, mit wem ich will und wann ich will! Diese Kellnerei in deinem Restaurant regt mich sowieso nur noch auf! Ich will mit diesem Gast nicht nur reden, ich werde mich jetzt an seinen Tisch setzen und werde mit ihm weggehen, nachdem ich mich mit ihm unterhalten habe. Und du... Du! Du kannst hier schreien, toben und randalieren! Mach doch bitte einen Skandal daraus!» Damit hatte Maria ihre Schürze abgelegt, auf die Spüle in der Küche geworfen und war direkt aus der Küche zu Hardenbergs Tisch gegangen. «Feierabend!» Antonio schnaubte vor Wut! «Die braucht nicht mehr nach Hause kommen! Das war's! Völlig durchgedreht! Was will sie von diesem Mann?» Der Richterin entging nicht, dass sich die Tochter des Hauses an Niklas Hardenbergs Tisch setzte: «Maria?!» «Ja, so heiße ich. Und Sie werden mich nicht mehr so schnell wieder los!»

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