«Lächel mal», fordert @LucaHatDochKeineAhnung @Gehirn_Zelle auf [https://ask.fm/Gehirn_Zelle/answers/141111071714], aber so einfach sind die Dinge nicht. Man kann nicht sagen «nie», aber sie sind selten «einfach». SOKRATES. Folge 303:

Uri Bülbül
Just als Alice loslegen wollte, vibrierte das Handy. Eine ask.fm-Frage, ein Schmunzeln huschte über ihr ernstes Gesicht. Zu kurz, aber von ihr selbst nicht unbemerkt. Ich hätte ein Selfie machen sollen, aber auf so etwas ist man nicht vorbereitet. Selfies und Lächeln, die vorüberhuschen, schließen sich aus. Eine gefrorene Fröhlichkeit könnte es bestenfalls werden und zwar noch bevor man den Auslöser betätigt. Alles friert, man bewegt den Daumen kurz, um es festzuhalten, aber es ist schon vorbei. Was hält die Fotografie überhaupt fest? könnte man sich fragen und ganz ehrlich müsste doch die Antwort sein: Nichts! Nichts lässt sich festhalten außer der Festhaltung selbst. Ein Punkt auf der Timeline im Intervall der Erinnerungen. Es gibt ein Drumherum und das Selfie selbst gehört dazu; es ist nicht der Punkt. Ihn selbst sieht man nicht. Es muss ihn aber geben oder doch zumindest gegeben haben, bevor er im schwarzen Loch verschwandt: den Moment, in dem ein Lächeln über Alices Mimik huscht oder in dem Johannas Auto gegen den Baum kracht. Rabe schreibt an @Gehirn-Zelle: «Lächel mal», das Handy vibriert und Alice macht einen neuen Tab auf, geht auf ihr Profil und schreibt, bevor sie die Anfragen bezüglich MAT in die Welt schickt: «Lächle mal ...
Grinsend klebt die Sicht am wirr beschlagenen Spiegel. Unentwegtes Ticken, in leer gefegten Gedankengängen. Jagd mit gezinkten Karten und das weiße Kaninchen hängt kopflos an Herz.
... Alice.»
Schnell schließt sie den Tab wieder, bevor sie sich weiter in diesen Gedanken verfängt. Selbst die Frage hat sie leise aber bestimmend korrigiert – die Frage, die eine Aufforderung ist: «Lächel mal» - das ist ihr zu umgangssprachlich formuliert. Nein, so einen sprachlichen Umgang kann sie nicht stehen lassen; aber sie ist auch keine Besserwisserin. Es müsste eine Menge passieren, bis sie ein «Das heißt aber...» über sich brächte. Und vielleicht wäre diese Menge nie zu erreichen. Vielleicht aber wollte sie gar nicht, dass diese Menge je erreichbar sein könnte. «Raus aus der Poesie! Rein in die Recherche!» forderte sie sich selbst auf. Das Lächeln war längst entschwunden wie der Zeitpunkt des Zusammenstoßes im Wald: der Wagen kam von der Straße, Johanna sah den Baum auf sich zurasen und ein dumpfer Stoß, ein im Vakuum unterdrückter Knall, der sich unhörbar durch den Wald in die Gemüter fortpflanzte. «Nun schau dir das an! Was hast du nur gemacht? Musste das sein?» «Hermes! Was machst du hier?» fragte Nadia schockiert. Hermes deutete auf den blutenden ohnmächtigen Körper im zerquetschten Auto: «Ich werde die jetzt mitnehmen müssen!» Nadia wurde wütend: «Nein, das wirst du nicht!» Hermes zuckte die Schulter: «Damit eines klar ist: Ich war das nicht!» «Ja, ja, das ist schon klar», gab Nadia unwillig zu. Er war ihr lästig, und sie hatte absolut keine Lust auf unsinnige Diskussionen mit ihm. Er sollte einfach verschwinden. «Kümmere dich um die Anwältin im Gartenhaus und lass mich hier in Ruhe!» «Ayleen ist versorgt», grinste er.

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