Während zur Maiennacht andere tanzen, sitzt ein einsamer Schreiberling im düsteren Gartenhäuschen und schreibt an einem Roman. SOKRATES Folge 304:

Uri Bülbül
«Oh, das sollte doch nur ein kleiner Denkzettel werden», sagte sie sich. Nun stand sie vor einer mittleren Katastrophe und laut: «Ich bringe das hier wieder in Ordnung», versicherte Nadia, was natürlich Hermes nicht überzeugte. Aber er fand ihr Engagement interessant. Sollte er nicht gerade das herausfinden, erforschen, der Sache auf den Grund gehen und das Rätsel lösen? Vielleicht hatte er hier bei Nadia Shirayuki gefunden, was er suchen sollte. Vielleicht verband sie etwas mit Prometheus, wovon sie selbst nichts wusste. Und das konnte ein entscheidender Hinweis sein. «Ich werde dich nicht stören», versprach er und fügte aber eine Frage an, die Nadia sehr wohl störte. Sie konnte sich ungeheuer schnell belästigt und genervt fühlen. «Was hast du jetzt vor? Du wirst doch nicht einfach den Notruf wählen?» Aber sie tat es schon und fragte ihn beiläufig: «Warum denn nicht?» Hermes fand das regelmäßige Blitzen des Blaulichts auf dem Wagendach so lustig sinnlos. Ihm wäre es lieber gewesen, die Polizistin einfach ihrem Schicksal zu überlassen. Wie lange hätte es dann wohl gedauert, bis sie gefunden wurde? Und wer wäre es geworden? Vielleicht ihre Schwester Luisa, die den Heimweg von der Villa wieder mit dem Motorroller ihres Schulfreundes Christoph angetreten hätte, aber mit reinem Superbenzin im Tank statt des Zweitaktgemischs, um genau an der Unfallstelle mit Motorschaden liegen zu bleiben? Hätte es aber nicht auch sein können, dass Luisa sich mit hoher Geschwindigkeit der Unfallstelle ihrer Schwester genähert hätte und fast genau an derselben Stelle der heißgelaufene Motor blockierte, weil sich der Kolben glühend in den Zylinder fraß? Hätte sie sich nicht überschlagen und hätte sie nicht mit aufgeschürfter Haut, gebrochenem Arm und verstauchtem Nacken auf dem Schotterweg liegen bleiben können? Luisa hätte sich schnell unter Schmerzen gesammelt, wäre erst mit sich beschäftigt gewesen, hätte sich den Helm abgenommen und hätte vor Nackenschmerzen kurz aufschreien können. Und dann hätte sie ihre eigenen Schmerzen plötzlich vergessen; denn sie hätte das Auto ihrer Schwester zerquetscht am Baum gesehen und das blitzende Blaulicht auf dem Dach bemerkt. Immerhin wäre das Handy wieder aufgeladen gewesen und Luisa hätte mit panisch zitternder Hand in Tränen aufgelöst den Rettungsdienst anrufen können. Aber das Display des Handys hätte auch zerbrochen sein können oder zumindest mit einem tiefen Riss versehen. Aber Hermes wurde hellhörig. Nein, die Geschichte sollte sich anders entwickeln. Nadia hatte ja schon verhindert, dass Rufus seine kleine Sabotage duchführen konnte. Und nun war sie gerade dabei, die Geschichte wieder in eine andere Bahn zu lenken. Nadia telefonierte mit dem Polizeinotruf. Die Diensthabende verstand den Familiennamen nicht richtig und notierte, nachdem sie das Band mehrmals abgehört hatte: «Schiranjucki». Bald würde auch der Hausmeister der Villa auf seinem Quad auftauchen. «Ich verschwinde dann mal», sagte Hermes.

View more