«Das Unaussprechliche ist nicht das Unverständliche, aber es wird nur dem dazu gehörigen Hören zum Wort...Fremd (ahd.fram) bedeutet: vorwärts, fort unterwegs nach ... Das Unbekannte ist das Nächste. Durch das Fremde wird das Eigene präsent.» NOVALIS in SOKRATES Folge 306:

Uri Bülbül
In der Psycho-Villa sah Johanna ihre Schwester in ein Gespräch mit Uri Nachtigall und Betti vertieft. Ihr entging auch nicht, dass Betti ein wenig beunruhigt war. «Ein seltsames Paar – sie und ihre Tochter», dachte Johanna, die von der kleinen Gruppe unbemerkt blieb und nun beruhigt auch ihre Schwester nicht aus dem Gespräch reißen wollte. Sollte sie sich doch mit dem Theaterphilosophen unterhalten. Das war harmlos. Johanna konnte die Zeit nutzen und mal nach dem Assistenzarzt des Sanatoriums sehen. Es war auch endlich mal an der Zeit, sich einen Termin beim Chef des Hauses geben zu lassen. So ging sie ein Stockwerk höher, wo sie Ben @Gedankenkammer begegnete. Er blieb, als er sie sah, schreckensbleich wie angewurzelt stehen drückte sich an die Wand, um Johanna vorbei zu lassen, obwohl der Flur breit genug für die beiden war. Johanna schmunzelte, was er als ein freundliches Lächeln deuten konnte. Aber Ben hielt sich die linke Hand vor den Mund, als wollte er sich selbst dadurch am Schreien hindern. «Komischer Kauz», dachte Johanna, «warum ist er nur so panisch?» Aber wenn er nicht so seltsam wäre und kein seelisches Leiden hätte, wäre er wohl kaum in diesem Sanatorium. Sie hatte keine Lust, sich weiter mit ihm zu beschäftigen. Sie steuerte direkt Doktor Zodiacs Büro an. Es war sicher überflüssig, ihm zu sagen, dass Luisa nicht von Johannas Besuchen im Sanatorium erfahren musste. Umgekehrt aber wollte Johanna wissen, was ihre kleine Schwester in diese Einrichtung trieb.
«Wo bleibt unser Gast, Benjamin @Gedankenkammer?», fragte Doktor Zodiac Schwester Maja, die sich mit schwarzem Lippenstift und weißem Lidschatten geschminkt hatte. Er liebte ihr morbides Aussehen, versuchte aber seinen Blick von ihr abzuwenden und sich auf die Patientenkartei zu konzentrieren. Ben war umgedreht, er zitterte am ganzen Leib, als er sich ungeschickt und linkisch in sein Zimmer einschloss. Er lehnte sich stöhnend mit dem Rücken an die Tür, konnte aber wegen einer erneuten Angstattacke nicht aufatmen. «Vater unser im Himmel, geheiligt werde Dein Name. Dein Reich...» er kam nicht weiter. Die Angst war stärker. Sie konnte sicher auch durch geschlossene Türen sehen und gehen. Sie konnte ihm jeden Augenblick in den Rücken fallen. Er sprang erschrocken von der Tür mit einem Satz in sein Bett. «Das ist albern, Ben. Was soll das?» Wer? Was? Wer sprach da zu ihm? «Frau Kommissarin?» bebte seine Stimme. Aber nein, jetzt erkannte er sie, es war er selbst gewesen, der sich Mut zuzusprechen versucht hatte. «erlöse uns von dem Bösen.» Ja, was sollte das denn bedeuten? Wenn Jesus seine Jünger dieses Gebet gelehrt hatte, dann doch nicht ohne Grund! Von wegen „albern“! Die letzten Worte des Vaterunser waren ein eindeutiges Geständnis dessen, dass es das Böse gab! Musste man sonst davon erlöst werden? «Nun sei doch vernünftig!» sagte er sich und zog sich die Bettdecke über den Kopf. Theodizee hin, Ontologie her. Das alles konnte nun nicht helfen. «Bist du schon hier?» fragte er.

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