Die Nacht ist da, die Ängste weichen, in der Finsternis tauchen Erinnerungen auf, mit Schrecken denk ich, die Sommersonnenwende naht, kann Freunden beim Sterben zusehen und eine Freundin in ihre Zukunft ein Stück winkend geleiten, bis es Still um mich wird. SOKRATES Folge 310:

Uri Bülbül
Er erkannte die Melodie; da war sie wieder. Die Violine war verschwunden, verklungen oder was auch immer. «Wenn ich einmal reich wär'» war nicht mehr zu hören. Statt dessen: «Sound of Silence»! Er erinnerte sich an seine Tochter Janina. Eines Tages saß sie im Dunkeln in ihrem Zimmer und hörte Simon and Garfunkel. Erst dachte er sich nichts dabei. Aber sie hörte sich dieses Lied immer und immer wieder an. Die Erinnerung daran löste einen Weinkrampf in ihm aus. Er konnte sich nicht mehr zurückhalten. Da saß er in seiner Finsternis, hatte ein mulmiges Gefühl im Magen und Druck auf den Ohren und dieses Lied. Er erinnerte sich, wie er nach über einer Stunde doch besorgt an ihre Tür klopfte – besorgt, aber zart, ganz vorsichtig. Er musste noch mehr weinen, als er in seinen Fingerknöcheln sein vorsichtiges Klopfen spürte. Alfred Ross war nicht immer der brutale ungeduldige Ermittler mit seinen illegalen Ermittlungs- und Verhörmethoden gewesen: «Janina?» Sie antwortete nicht. Wahrscheinlich war er zu leise und vorsichtig gewesen. Er hatte die Hand schon auf der Türklinke. Aber er zögerte und drückte sie dann nicht nieder. Besser er klopfte noch einmal. «Janina?» Dieses Mal lauter, aber noch immer mit Zagheit und Zurückhaltung. Ihre Stimme kam etwas unwirsch und unfreundlich: «Ja, was ist?» Er drückte die Klinke langsam herunter, öffnete die Tür nur einen Spalt, so dass er vorsichtig seinen Kopf durchstrecken konnte. Sie saß im dunklen Zimmer, aber es war längst nicht so finster wie in seinem Gefängnis. «Liebes, ich wollte nur wissen, ob alles in Ordnung ist.» «Ja, klar. Was soll nicht in Ordnung sein? Komm rein, Papa!» Er musste über Joghurtbecher und Teller, Geschirr und Gläser steigen. Es war nicht einfach im Dunkeln sich in ihrem Zimmer zurechtzufinden. Aber lieber trat er ein paar Gläser kaputt als bei seiner Tochter in einen Fettnapf. «Was hörst du dir denn für alte Songs an?» Seine Tochter lachte. «Eigentlich für den Englischunterricht. Wir sollen den Text herausschreiben und übersetzen. Aber dann hat es mich irgendwie gepackt.» Etwas in der Stimme seiner Tochter hatte sich verändert. Warum hatte er es nicht früher bemerkt? Oder geschah es jetzt im Augenblick? Endlich erreichte er das Sofa, auf dem sie lang ausgestreckt saß und mit ihrem Handy spielte. Sie hatte auf ihrer Musikanlage «Sound of Silence» auf Endlosschleife geschaltet und beschäftigte sich mit irgendeinem bunten Spiel auf dem Display ihres Handys. Sie rückte ein bißchen zur Seite, damit er an ihrem Fußende Platz nehmen konnte. Da saß er nun, da lag er nun und weinte, schluchzte, ließ sich vom Schluchzen erschüttern und erbeben. Er konnte nicht anders. Es war, als würde in der Finsternis seiner letzten Reise das vom Display erleuchtete Gesicht seiner Tochter in aller Deutlichkeit vor ihm erscheinen. «Warum sitzt du im Dunkeln?» «Was? Ach so? Mach doch Licht an, wenn du willst. Ich war nur zu faul zum Aufstehn.»
https://youtu.be/4zLfCnGVeL4

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