Was ist, wenn in einem Menschen tiefe, tiefe Finsternis lauert, ein schwarzes Loch, eine unergründliche und unbegründete Dunkelheit. Eine, die jeden Sonnenschein, jedes aufmunternde Wort einfach in sich verschluckt und weiter existiert? SOKRATES Folge 311:

Uri Bülbül
Nun saß er auch schon auf dem Sofa und wollte noch einige Augenblicke verweilen. «Bis wann musst du denn die Übersetzung haben?» «Hab sie schon im Kopf fertig.» Er staunte, weil sie es in einem sehr glaubwürdigen Ton gesagt hatte. «Wirklich?» Als müsste sie es ihrem Vater beweisen, rezitierte sie die erste Strophe:
«Hallo Nacht, mein alter Freund -
ich rede gern mit dir erneut,
weil Visionen sanft mich trafen;
setzten mir ihre Saat beim Schlafen.
Und die Vision, die gesät ist in mein Hirn,
bleibt noch drin,
mitten im Klang des Schweigens.»
«Weißt du auch, dass es einen Film dazu gibt?» fragte er seine Tochter. Sie hörte nicht mehr richtig zu, war an einer kniffligen Stelle in ihrem Spiel kurz vor Beendigung des Levels. Mehr als ein «Hmmm» kam nicht über ihre Lippen. Alfred Ross seufzte. Die Kommunikation mit seiner dreizehnjährigen Tochter war nicht einfach. In seiner Finsternis weinte und wimmerte der Kommissar. «Vielleicht habe ich es nicht besser verdient!» Plötzlich wurde das Licht eingeschaltet: «Oh meine Güte! Janina! Wie sieht's denn hier aus! Warum sitzt ihr im Dunkeln?» Seine Frau Ute war nach Hause gekommen! «Oh, Mist!» schrie Janina. Sie hatte die letzte Hürde nicht geschafft und konnte nun das Level von vorne anfangen! «Was?» Sie starrte etwas entgeistert und etwas mit gespielter Genervtheit ihre Mutter an: «Jetzt hast du ja Licht gemacht und wir sitzen nicht mehr im Dunkeln, danke Mama!» Alfred und Ute warfen sich Blicke zu, die ihrer Tochter nicht entgingen. Jetzt wurde auch Ute Ross auf Simon & Garfunkel aufmerksam. «So was hörst du? Das überrascht mich jetzt aber!» «Ist für die Schule – die neue Englischlehrerin will mit uns den Film „The Graduate“ durchnehmen und als Einstimmung und Vorbereitung sollen wir dieses Lied hören, Text herausschreiben und übersetzen.» Alfred Ross erhob sich langsam vom Sofa; somit war für ihn alles geklärt. Für seine Frau noch lange nicht: «Seid ihr nicht etwas zu jung für diesen Film? Da hat sich Frau Rosenberg-Kübel aber etwas vorgenommen!» Von Janina kam natürlich das obligatorische «Ach Mama!» Beim Herausgehen bückte sich Alfred Ross, um ein paar Teller und Gläser vom Boden aufzuheben und in die Küche zu tragen. Das war das falsche Signal an seine Frau: «Ich möchte, dass du heute Abend noch dein Zimmer aufräumst, meine Liebe und Staub saugst! Sonst kannst du die Shoppingtour morgen vergessen.» «Mama, du hast es mir versprochen!» empörte sich Janina. Und Ross weinte in der Finsternis. Ach, hätte sie doch nur nicht aufgeräumt! Er fragte sich, ob er sie nun wiedersehen würde. Er setzte sich auf. Was hatte diese Irrenhausschwester mit ihm nur gemacht? Was hatte sie ihm verabreicht? Und wo genau befand er sich? Wann würden sie ihn im Präsidium vermissen und mit der Suche beginnen? Sein Kopf klarte langsam auf. Und trotzdem rief er in seine Dunkelheit: «Hey schwarze Geigenfee, bist du noch da?» Aber es herrschte absolute Stille. «Wenn sie mich hätte töten wollen, hätte sie es doch sofort tun können».

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