Zeit für Filomena, sich ein paar entspannte Gedanken zu gönnen. Die Rückreise scheint gesichert; von Zuhause aus will sie ihren Auftrag neu angehen. Ob sich die Dinge so entwickeln, wie ihre Gedanken so vor sich hin strömen im Bewusstseinsfluss? SOKRATES Folge 313:

Uri Bülbül
Und tatsächlich fand sie noch eine Rückflugmöglichkeit am Abend von Casablanca-Airport aus. Sie hatte ihre Sachen nicht ausgepackt. Sie reiste ohnehin nur mit leichtem Gepäck und den Weg zum Busbahnhof wollte sie zu Fuß gehen. Sie hatte Zeit; ihr Flug ging erst in sechs Stunden. Da wäre sogar Zeit, in Casablanca in Rick's Café vorbeizuschauen und sich ein wenig der Filmromantik hinzugeben. Sie wollte sich dort einen Drink genehmigen und im Flugzeug eine Kleinigkeit essen. Und am nächsten Tag konnte sich Philomena wieder ihrer Mission widmen, weswegen sie ja unterwegs war. So hatten sich die Zeiten geändert. Vor gut einem halben Jahrhundert war der Mann in wichtiger Mission unterwegs und der Frau fiel die Rolle zu „ihren Mann“ treu zu begleiten, ganz egal, was ihr Herz und ihre Gefühle sagten; denn der Mann diente einer höheren Sache und damit die Frau an seiner Seite auch. Die Verzichtslogik herrschte: um einer wichtigen Sache wegen, schließlich hatte der Mann einen bedeutenden Auftrag, musste man „persönliche Opfer“ bringen. Das individuelle, ganz persönliche Glück war sekundär – ganz andere Dinge wurden dem Menschen, insbesondere dem Individuum übergeordnet: die Sache der Gerechtigkeit, der Demokratie, der Freiheit oder des Volkes, der Nation, des Staates, der Rasse oder was auch immer. Schließlich gab es immer etwas scheinbar Wichtigeres als das individuelle Glück des Menschen: Politik, Staat, Gesellschaft, dann natürlich die Familie auf der nächst unteren Stufe. Die Frau musste sich als Mutter und Ehegattin vornehmlich für die Familie aufopfern, für die Familie «da sein», wie es moralisch zwingend formuliert wurde. Was sollte da die Lust einer Frau für eine Rolle spielen, mit einem Mann zusammen zu sein, für den sie romantische Gefühle hegte, während ihr Ehemann wichtige politische Dinge in seinem Auftragsbuch hatte! Viele Dinge hatten sich seit den Weltkriegen und der Folgezeit in den ersten beiden Jahrzehnten danach ein wenig verschoben. Aus heutiger Sicht aber wirkte es schier erdrutschartig in der ethischen Prioritätenliste. Das „ubjektive Bewusstsein in der gesellschaftlichen Mentalität“ hatte sich sehr verändert; dem Individuum war es gelungen, in der Prioritätenliste einen hohen Rang einzunehmen. Besonders die nun 14-30-Jährigen würden ihr individuelles Glück nicht so schnell für irgendein Ideal opfern. Unwillkürlich musste sie nun an ihren guten Freund Graf Otto denken, der als Militärattaché in Marokko gelandet war. Ein heimatverbundener Mann, der sehr gerne wandern ging, die heimischen Berge, Wälder und Wiesen liebte, das rustikale Leben bevorzugte und im Handumdrehen einen Ofen anfeuern konnte. Er bedauerte diese neuen Entwicklungen. Ein wenig verachtete er sogar das individualistische Glückstreben der gegenwärtigen „Jugend“! Volk und Vaterland, Heimat und Nation waren vielen „Wirrköpfen“ in ihrer Dekadenz kein Begriff mehr, geschweige denn ein Ideal! Das Klingeln ihres Handys riss Philomena aus ihren Gedanken.

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Filomena@HamburgMittendrin
Else's (っ◕‿◕)っ@Erwachsenenstammtisch