Wo endet die Reise des Brutalokommissars Alfred Ross? Hat sich seine innere Finsternis nur nach außen gekehrt, in eine Blackbox verwandelt und ihn eingesperrt? Gibt es einen Paketdienst ins Jenseits? SOKRATES Folge 316:

Uri Bülbül
Sie kamen zu dritt und brauchten eigentlich nichts zu sagen. Er hatte das Abendessen für seine Frau und Tochter vorbereitet, sie würden sicher bald müde und aufgeregt von ihrer Shoppingtour heimkehren. Er erwartete sie fast jeden Augenblick. Eine Psychologin, Seelsorgerin, eine Frau für ganz besondere Aufgaben war dabei – wie er später erfuhr, hieß sie Philomena. Ihre zarte Feinfühligkeit rührte ihn tatsächlich. Einer der Männer sprach: «Kollege Ross, dürfen wir reinkommen?» Er drehte sich einfach um, ging, schwebte, schwankte, torkelte ins Wohnzimmer – er wusste es nicht mehr. Eine Käseglocke aus Finsternis hatte sich über seinen Kopf gestülpt; er hörte und sah darunter nichts mehr, bekam keine Luft. Im Wohnzimmer sprach sie; sie war in seiner Käseglocke, gemeinsam mit ihm. Die beiden Kollegen waren draußen geblieben, obwohl der eine ihn stützte. Später erst begriff Alfred Ross, dass der Kollege ihn gar nicht gestützt hatte, sondern ihm seine Dienstwaffe aus dem Halfter zog. Denn Ross hatte alles für seine beiden Frauen vorbereitet und musste selbst gleich zum Dienst. Er hätte sie aber so sehr gerne noch persönlich zuhause empfangen. Statt dessen das Polizeiteam und der Tod. Auf der Rundstrecke um das Einkaufszentrum veranstalteten eine halbwüchsige Raser illegale Autorennen; erst drei Runden um das Einkaufszentrum und dann ab ins Stadtzentrum; da fuhr einer 160 km/h, wo nur Schritttempo erlaubt und etwas mehr eigentlich nur möglich war. Ute und Janina hatten ihre Einkäufe ins Auto gepackt und waren zu Fuß noch einmal ins nahegelegene Wäldchen spaziert; eine Brücke führte Spaziergänger und Radfahrer über die Autobahn in dieses Wäldchen mit einem Park, einem See, worauf man Tretboot fahren und Segeln konnte und einem kleinen Kiosk, wo es „das leckerste Eis und die besten Smoothies aller Zeiten“ gab, wie Janina versicherte. Ihre Mama zögerte erst, weil sie wusste, dass ihr Mann zuhause das Abendbrot für sie vorbereitet hatte, aber dem „Ach bitte, Mama!“ ihrer Tochter konnte und wollte sie nicht widerstehen. Alfred hatte sicher Verständnis dafür. Als sie zu ihrem Auto zurückkehrten, war es schon eine Stunde nach Ladenschluss. Der Parkplatz hatte sich geleert, das Einkaufspublikum hatte sich verzogen. Aus der Ferne hörten sie Motorengeräusche wie auf einer Rennstrecke.
„Narren!“ sag ich, „wisst ihr nicht,
Schweigen trägt den Krebs in sich.
Hört auf das, was ich euch geb',
greift meinen Arm, der fest euch trägt.“
Doch meine Worte tropften leise,
verhallten hohl im Schlund des Schweigens.
Und die Leute rühmten kalt
ihr goldenes Neon-Kalb.
«Das Leben ist schön», sagte Philomena, «das Leben ist schön, ganz gleich, was dir widerfährt, denn die Schönheit liegt in dir, scheint aus dir und aus dem, wie du dich zu deinem Schicksal verhältst und positionierst. Das zu erkennen ist das Moment des Glücks.» Aber war das Alfred Ross vermittelbar? Was davon konnte durch die schwarze Käseglocke der Finsternis zu ihm dringen? «Schreiben Sie ihn dienstuntauglich!»

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