Einem Schwarm Glühwürmchen folgend bergab durch den finsteren Wald über Stock und Stein und um Hindernisse Haken schlagend, munter wie ein Delphin im Wasser! SOKRATES Folge 325:

Uri Bülbül
Während Viktor die Scherben, die er durch seine wuchtigen Reden erzeugt hatte, in den Müll beförderte, rannte Basti seinem Schwarm Glühwürmchen folgend bergab durch den Wald. Beschwingt sprang er über Stock und Stein, entging allen Stolperfallen und schlug Haken um jedes Hindernis. Er fühlte sich in seinem Lauf durch den Wald so munter und wohl wie ein Delphin im Wasser. Er ließ Viktor hinter sich mit seinen «Paradigmenwechsel in der Wissenschaft», er, Viktor, habe nie «lediglich ein Mediziner» sein wollen, ein Arzt sei im Grunde kein Wissenschaftler, sondern ein Ingenieur der Heilung, heute aber eher, mal abgesehen von Chirurgen, Zahnärzten und Kieferorthopäden, ein Verwalter und Verabreicher von Medikamenten, ein Handlanger der Pharmaindustrie, ein «Penicilinfetischist», die platischen Chirurgen, ja diese könnten noch wahre Wunder vollbringen und die hässlichsten Verunstaltungen beseitigen, Gesichter und andere Körperteile neu formen, was keineswegs nur der Schönheit diene, da es so viele tatsächlich durch Krankheiten, Brand- und Kriegsverletzungen oder durch Unfälle verunstaltete Menschen gebe, in der plastischen Chirurgie werde wirklich Großes geleistet, Krebsbekämpfung hingegen grenze so an manchen Stelen eher an Scharlatanerie, er, Viktor Frankenstein, habe aber erkannt, dass die moderne Wissenschaft sich von der Mechanik loslösen müsse, sie müsse sich nicht nur mit dem Empirischen und Messbaren beschäftigen, mit Hebeln und Schrauben, mit Kraftübertragungen, sondern mit Strahlen, mit Energie, mit Bruchteilen von Atomen, mit Feldern und Wahrscheinlichkeiten, mit Verteilungskurven, der Kosmos verlange den Wissenschaftlern ganz andere Dinge ab als früher. «Das Leben ist kein leicht erklärbares Phänomen, noch immer wissen wir nichts darüber», er sei aber ein naturwissenschaftlich wie philosophisch orientierter Humanwissenschaftler, auch die Betrachtung der Psyche habe er «sich zum Behuf» gemacht. «Behuf?» Das hatte Basti noch nie gehört, «du meinst wohl „Beruf“», versuchte er seinen alten Freund zu korrigieren, aber Viktor schüttelte den Kopf: «Nein, nein, wenn ich „Behuf“ sage, meine ich „Behuf“!» «Was soll das sein?» fragte Basti, dem der ganze Vortrag wie ein großer Berg Kieselsteine vorkam, die man von einem Lastwagen aus, auf ihn herab kippte. «Behuf ist ein anderes Wort für Absicht, Intention, Plan, Vorhaben, Zweck, Ansinnen – ich will damit sagen, es gehört zu meinen wissenschaftlichen Absichten als Humanwissenschaftler auch die menschliche Seele zu erforschen», erklärte Viktor. Und Basti spürte allmählich, dass es für ihn Zeit wurde, wieder aufzubrechen. Aber er hatte die Zeit ganz vergessen, denn als er aus der Tür der Hütte trat, war die Sonne längst untergegangen und hatte den Wald gänzlich der Finsternis überlassen. Wo jetzt wohl Rudi stecken mochte? War es ihm draußen vor der Hütte womöglich so langweilig geworden, dass er wieder zurück zum Bassin gerannt war? Er rief mehrmals nach Rudi – vergebens.

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