Wir werden uns noch einwenig mit Alfred Rossens Vergangenheit befassen. Wie das wirkliche Leben kennt auch der SOKRATES-Roman keine Haupt- und Nebenfiguren. So etwas ist nur eine Frage der Perspektive und des Geschichtenkonstruktes. Mir sind alle Figuren gleich wichtig. SOKRATES Folge 327:

Uri Bülbül
Ute Friederika Ross geborene Lindemann war Kunsthistorikerin und Germanistin, eine wunderbare Magistra, die ihre Doktorarbeit wegen Schwangerschaft nicht beendet hatte. Ihr Einserexamen hatte ihr zu einem Promotionsstipendium verholfen. Ihr Doktorvater hielt sehr viel von ihr und manchmal auch ihre Hand: «Sie sind so wunderbar, Frau Lindemann; wie recht Sie haben, Frau Lindemann, ausgezeichnet formuliert, Frau Lindemann; das können Sie uns sicher erklären, Frau Lindemann... usw. usf.» Alles deutete auf eine Universitätslaufbahn hin, Ute aber hatte keinerlei Interesse an ihrem Professor, der ihr mal mehr und mal weniger deutlich den Hof machte. Mit dem Stipendium wurde er aufdringlicher. Dann aber lernte sie Alfred Ross kennen; er kam ihr wie gerufen, was sie ihm so nie gesagt hatte, er kam als Polizist, weil im Institut in einige Büros eingebrochen wurde. Sie verliebte sich schon bei der ersten Befragung in ihn, fühlte sich magisch von ihm angezogen und konnte schier nicht von seiner Seite weichen, wenn er eine Woche lang immer wieder mit Fragen und Zweifeln an die Uni kam und auch sie über den Stand der Ermittlungen auf dem Laufenden hielt. Der magische Satz zwischen ihnen wurde: «Der Staatsanwalt will die Ermittlungen einstellen.» Es kam spontan aus ihr heraus: «Dann haben wir gar keine Gelegenheit mehr uns zu sehen.» Er war überrascht, konnte aber seine Freude kaum verbergen: «Es sei denn...» Sie brachte den Satz zu Ende: «...wir verabreden uns privat.» Sie biss sich auf die Lippe. Es war der spannendste und nie enden zu wollende Augenblick ihres Lebens – würde er sich nun hinter seinen Vorschriften verkriechen? Gab es überhaupt eine Vorschrift, die eine Verbindung zwischen einem ermittelnden Kommissar und einer möglichen Zeugin in einem Verfahren, das eingestellt werden sollte, verbieten konnte? Aber das war für Ute nicht der Punkt; viel wichtiger war es, ob Alfred kneifen würde; aber er kniff nicht: «Sehr gute Idee!»
Alice @Gehirn_Zelle rechnete nicht damit, so schnell in den Mittelpunkt des Dialogs gezerrt zu werden wie ein unschuldiger Zuschauer auf die Tanzfläche oder in eine Schlägerei. Philomena wandte sich, als habe sie die Frage des Attachés nicht gehört, unvermittelt an sie: «Also liebes Pseudonym, wann brechen wir auf?» «Äh...» sie warf einen Blick auf ihren Chef. Aber dieser hielt sich gentleman like zurück. «Ja, also unser Flug geht schon um 06.00 Uhr morgens, aber wir müssen schon um 05.00 Uhr am Flughafen sein und einchecken. Wir werden heute eine kurze Nacht haben.» Wieder warf sie einen Blick zum Attaché. Er ließ die beiden Frauen wohlwollend gewähren. War ihm die Frage nach Philomenas Auftrag nicht wichtig? Oder hatte er sie nur prüfen wollen und kannte die Wahrheit schon längst. @Gehirn_Zelle hätte sie auch gerne gekannt. «Eine kurze aber schöne Nacht», sagte Philomena fröhlich. «Dann fahren wir sofort nach Casablanca und verbringen die Nacht bis zum Abflug in Rick's Café. Schlafen können wir auch im Flugzeug noch.»

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