Vollmond, Basti und Gedanken zu verschiedenen Lebensformen – Was genau ist „Freundschaft“? SOKRATES Folge 331

Uri Bülbül
Basti spazierte am Rand des Bassins entlang und bekam immer größere Lust ins Wasser zu springen. Der Vollmond erleuchtete den Himmel so wunderbar und tat das Übrige dazu, die Schwimmlust in Basti zu steigern. Immer wieder durchstreifte er auch mit seinen Blicken die Sträucher, die Büsche, das Farn, die Hecken auf der Suche nach Rudi. Basti vermisste seinen rüsseligen Freund und wenn er ganz ehrlich sein sollte vermisste er auch ein bißchen Lara. Aber sie gehörte einfach nicht in seine Welt. Das war leider klar. Sie war ganz anders, sie lebte ganz anders und das Allerwichtigste war: sie verstand nichts von seiner Lebensweise und sie fühlte sich unwohl. Sie hatte ja mit dem Spaziergang versucht, ein kleines Stückchen des Weges mit ihm zu gehen, aber es war ihr völlig unmöglich, ihn dauerhaft zu begleiten. Für ihre Verhältnisse hatte sie sich ganz schön weit heraus gewagt, andere hätten den schraubenförmigen Holzsteg schon nicht genommen, um in dieses Tal hinabzusteigen. Lara hatte es gewagt; sie wollte fotografieren und künstlerisch schöne Bilder machen. Vielleicht hätte Basti es wissen und ihr sagen müssen, dass dies nicht gelingen konnte. Aber er hatte nicht daran gedacht. Sie kam eben aus einer anderen Welt und musste darin glücklich werden. Vielleicht war in ihrer Welt auch Glück unmöglich, vielleicht existierte dort nur das Wort „Glück“ ohne jeden Hauch von Sinn und Idee davon, was es sein sollte, aber dann war es eben so. Auch das konnte Basti nicht ändern. Er konnte es sich auch nicht vorstellen genau in derselben Lebensform zu existieren wie Lara. Er atmete tief durch und genoss den Duft der Vollmondnacht. Und da hatte er auch wieder Lust zu singen, zu brüllen und zu schreien, zu trällern und zu schallern: «Hoch vom Galgen klingt es, hoch vom Galgen klingt es...» In all dem Jauchzen, Jubeln und Jodeln: «Raub und Mord und Überfall sind gut» hatte er auch einen Gedanken – er musste ihn nicht festhalten wie ein Philosoph, wie etwa dieser Theatermensch, der verhaftet worden war und sich in die Psycho-Villa geflüchtet hatte – er konnte den Gedanken auch wieder fahren lassen; denn er wusste: gute Gedanken kamen wieder wie gute Freunde. Und er war sich sicher, dass er Rudi bald wieder sehen würde und er war sich alles andere als sicher, ob dies auch für Lara galt. Viktor und Basti waren zum Beispiel gute Freunde, ganz egal, wie selten sie sich sahen und wie lange sie sich nicht gesehen hatten, immer wenn sie zusammenkamen, war es so, als hätten sie sich nie getrennt. Gute Freunde verlor man auch nicht aus den Augen, sie blieben einem immer vor dem geistigen Auge. Insofern aber war Lara vielleicht doch eine Freundin, denn er musste ja die ganze Zeit an sie denken. Denken und singen, singen und denken, denkend singen, singend denken, dann hörte er auf einmal ein anderes Lied:
«alltohand
De westsee' is uns wohlbekannt
Dahin wolln wi nu faren
De riken kooplüd van hamborg
Mogt jem eer scheep nu waren!»
Was hatte das nun schon wieder zu bedeuten?

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