Rudi bei den Seeräubern und ein Klabautermann auf Steuerbord – SOKRATES Folge 332

Uri Bülbül
Der Käptn schubste Rudi sanft von seiner Schulter; halb fiel, halb sprang Rudi und landete direkt neben seinem Futternapf. Er war mit seinem Schicksal schnell versöhnt und fraß sich erst einmal genüsslich satt. Dann sprang er auf das Bett in der Kajüte des Käptns, wühlte sich direkt unter die Decke und die modrigen Gerüche erinnerten ihn an sein Zuhause. Ja, wie konnte er das nur vergessen haben. Und schon schlummerte der Hispaniola Solinodon ein. Und dann hatte er einen wirren Traum. Ja, auch Spaltrüssler können träumen. Irgendwer am Strand suchte ihn zwischen den Farnen und Sträuchern, irgendwer vermisste ihn, es war jemand, der halb Fisch, halb Mensch war. Oh nein, kein Fisch! Es war ein Delphin. «Delphine sind keine Fische», schimpfte dieses Wesen in Rudis Traum. «Du musst wissen: es gibt auch Süßwasserdelphine, und diese können rosa sein. Das sind keine Fabelwesen!» Rudi überlegte noch, was „Fabelwesen“ sein sollten und ob Fische Fabelwesen waren, da spürte er eine Unruhe. Das Bett wackelte und knarrte. Rudi wurde an die Seite geschubst: «Mach dich nicht so breit, du Ratte!» brummte der Käptn, der sich auch schlafen legen wollte. Und schon schlief Rudi weiter, aber es war dunkel, er konnte sich an keinen Traum mehr erinnern. Das Schnarchen des Kapitäns, das bald einsetzte, störte Rudi nicht. Aber irgendwann gab es wieder eine Unruhe, wovon Rudi ganz wach wurde. «Kapitän! Kapitän! Klabautermann auf Steuerbord gesichtet! Klabautermann auf Steuerbord! Fluchend stand der Käptn auf. Auch Rudi schlüpfte schnell durch die Tür und sprang die Treppen hoch an Deck. Über ihm war eine schöne klare Vollmondnacht. Aber er konnte nicht sehen, wohin die Seeleute zeigten. «Da war er! Da war er! Ich schwörs! Ich habe ihn gesehen!» rief einer. Der Kapitän entriss ihm das Fernrohr. «Ich werde dich über Bord werfen, wenn das nicht stimmt! Ich sehe nichts!» brüllte der Kapitän. Doch dann lachte er, dass die Planken erzitterten: «Ha, ha, ha, Klabautermann! Ja, klar! Da ist Basti, der sprechende Delphin! Er kommt direkt auf uns zu geschwommen. Bin gespannt, was er uns zu erzählen hat!»
Trotz Finsternis klarte Alfreds Bewusstsein immer mehr auf. Wer diese geheimnisvolle und schier gespenstische junge Frau auch war und warum auch immer sie das Lied vom Fiedler auf dem Dach spielte, ihre Warnungen waren nicht zu verachten gewesen und hätte er sich mal daran gehalten, wäre er womöglich nicht in dieser schier aussichtslos erscheinenden Situation gelandet. Alfred Ross hatte großen Durst. Seine Orientierung in der Finsternis wurde besser. Erstaunlicherweise entwickelte er ein Raumgefühl. Er hätte den Wasserspender finden können, aber er ließ es bleiben. Auch diese Warnung war nicht zu verachten. Nein, er wollte mit seinem Leben noch nicht am Ende sein; er wollte nicht sterben, er wollte liebevoll in Erinnerungen an seine Frau und Tochter schwelgen und weiterleben. Um dieser schönen Erinnerungen wegen wollte er leben. Denn dadurch hielt er auch sie in sich am Leben.

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