Der eine in der Blackbox, der andere im Türmchen der Psycho-Villa, der dritte im magischen Wald - sind wir alle Irre oder Irrende, oder irrende Irre? Sokrates in Athen jedenfalls befragte das Delphische Orakel: Erkenne Dich selbst! SOKRATES Folge 335 und der Link zum Linkregister...

Uri Bülbül
www.schreibhaus.de/SOKRATES-Linkregister.pdf
«Die Liebe ist langmütig und freundlich, die Liebe eifert nicht, die Liebe treibt nicht Mutwillen, sie blähet sich nicht, sie stellet sich nicht ungebärdig, sie suchet nicht das Ihre, sie läßt sich nicht erbittern, sie rechnet das Böse nicht zu, sie freut sich nicht der Ungerechtigkeit, sie freut sich aber der Wahrheit; sie verträgt alles, sie glaubet alles, sie hoffet alles, sie duldet alles.» «Ach, was weiß denn ich?» brummte der Theaterphilosoph. Lass mich mit dem Hohenlied in Ruhe! Warum spukst du mir nur durch den Kopf und spuckst in meine Gedankensuppe? Er drehte sich abrupt um, ging an seinen Schreibtisch, nahm das Buch, das er angeblich verfasst haben sollte: Sein Name und seine Biographie befanden sich auf dem Umschlag; es konnte sich weder um Zufall noch um einen Namensvetter handeln. Er klappte das Buch auf und schnell wieder zu. Nein, er wollte es nicht lesen, er wollte etwas ganz anderes. Er wollte die Herausforderung annehmen, welcher Art sie auch sein mochte. Er prüfte sein Gedächtnis, ja, ab und an vergaß er Namen, auch von Menschen, die früher einmal eine gewisse Bedeutung für ihn getragen hatten, nicht wirklich wichtige Menschen in seinem Leben und nicht mit wirklicher Bedeutung, aber immerhin mehr als Begegnungen, kurzfristige Kollegen zum Beispiel, der verrückte Besitzer eines Grafikstudios, der seine Sekretärin auf den Schoß nahm, während Uri Nachtigall dort den Computer einrichtete. Der Möchtegerngrafiker war im Knast gewesen, weil er jene Sparkasse überfallen hatte, bei der er selbst Kunde war. Trotz Maske hatte die Kassiererin den Räuber erkannt und als er gegangen war und sich mit seiner Beute sicher wähnte, die Polizei gerufen. Kurz darauf war das Spiel aus und nun die Bewährung: seine Mutter hatte ihm mit ihrem Ersparten ein Grafikstudio eingerichtet und ihm eine Mitarbeiterin an die Seite gestellt, mit der er sofort ein Verhältnis anfing. Die Mutter behäbig und besorgt ging auch durch die Büros des Studios und versuchte die Arbeit zu koordinieren, soweit sie etwas davon verstand, was leider nicht der Fall war. An die ganzen Szenen und Geschichten konnte sich der Theaterphilosoph erinnern nur nicht an die Namen dieser Leute. Er hatte die Festplatten defragmetiert, die Drucker und das Netzwerk eingerichtet. Für drei Tage Arbeit hatte er der Firma 1000 DM in Rechnung gestellt, was mit einem Barscheck beglichen wurde. Die Namen aber weggewischt aus dem Gedächtnis. Oder die Professorin der Soziologie, die seine Arbeit als Ghostwriter kritisierte, als er eine Auftragsarbeit über Luis Buñuel schrieb, die von einem Filmwissenschaftler benotet werden sollte. Die Soziologieprofessorin war empört über die schlampige Arbeit; der Klient aber bekam die Bestnote. Wie hieß sie nur? Er hatte ihren Namen vergessen, später heiratete sie einen seiner Kollegen. Aber Gedächtnislücken der größeren und beunruhigenderen Art hatte er nicht. Und schon gar nicht vergaß er Bücher, die er schrieb!

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