Mit der Folge 336 des SOKRATES sollte der Fortsetzungsroman ursprünglich zu Ende gehen, doch dann kam ich auf die Idee, den Roman zu einem Teil meines Hypertextprojektes ZERFAHRENHEIT zu machen. Das bedeutet ein unendliches Zirkulieren der Diskurse. SOKRATES Folge 336:

Uri Bülbül
Die Paradiesologie aber war nicht von ihm.
«Die Liebe höret nimmer auf, so doch die Weissagungen aufhören werden und die Sprachen aufhören werden und die Erkenntnis aufhören wird. Denn unser Wissen ist Stückwerk, und unser Weissagen ist Stückwerk. Wenn aber kommen wird das Vollkommene, so wird das Stückwerk aufhören.» Das bewegte Uri Nachtigall sehr. Das Aufhören des Stückwerks in seinem Leben. War das je möglich? Weder fühlte er sich erkannt noch verkannt, er fühlte sich nicht einmal gesehen. Er war da oder auch nicht, er wusste nicht einmal genau, wen er äußerlich darstellte. Alle sahen in ihm irgend etwas, irgendjemanden, aber er hatte in seinem Innern mit all diesen Bildern nichts zu tun. Ja, natürlich lautete die Forderung «Erkenne dich selbst!» Aber genau dies hielt er fur unmöglich, so als müsste er sein Auge auf Links stülpen um seine Netzhaut zu sehen und seinen Blinden Fleck zu verorten. Wie sollte das möglich sein? Er war verloren, wo auch immer er war. Und er hatte ja noch nicht einmal bemerkt, dass er ein Turmzimmer in der Psycho-Villa erhalten hatte. So verloren war er, so gedankenverloren, so philosophieverloren. Er war der Realität, deren Existenz und Existenzberechtigung er sowieso anzweifelte, verloren. «Ja, klar, ich kann mir schon denken, warum das Hohelied so wichtig ist. Die erste Strophe des Liedes liegt mir an nächsten. Sie verstehe ich am besten. Und eines Abends, als ich eine Nachbarin besuchte, in der Absicht, mich ihr erotisch zu nähern, saß ich auf einer Holzbank in ihrer Küche, zwischen uns der Küchentisch in seiner Länge und Kerzen darauf, erwähnte ich kurz; da gibt es eine Stelle in der Bibel, sie ist meine Lieblingsstelle. Und sie wusste sofort genau, welche dies war, Paulus 1 Korinther 13! Und ich war bezaubert und gerührt – wusste, das ist sie: meine große neue Liebe. Nicht nur siehst sie wunderschön aus, sie spricht auch dieselbe Herzenssprache. Pah!» Er spuckte verächtlich aus. Er verachtete nicht Eva, so hieß die Schöne, es konnte nur märchenhaft werden, alle Zeichen standen auf Liebe, nein, er verachtete sich selbst, weil er nichts wirklich erkannte. Immer lebe ich in meinen schwachsinnigen Illusionen, sagte er sich, seinen Blick auf den Buchdeckel der Paradiesologie gerichtet. «Wenn ich eine Paradiesologie schreiben müsste – wie kommt man überhaupt auf so einen Titel? - dann würde ich mit dem Hohenlied beginnen. Ja, das wäre konsequent. Denn ohne die Liebe ist alles nichts und ich niemand! Und so nennt mich „Nemo“, wenn ihr mich denn seht! Wer auch immer ihr seid, ihr, da draußen in der Welt, deren Existenz ich bezweifle, negiere, nicht haben will, so nicht, diese Welt, wie sie ist! Nein!» Nach seinem Nein kam wieder der Satz, den er zu seinem Lieblingssatz auserkoren hatte: «Wenn ich mit Menschen- und mit Engelzungen redete, und hätte der Liebe nicht, so wäre ich ein tönend Erz oder eine klingende Schelle.» Ich bin tönend Erz und klingende Schelle! Schimpfte er in sich hinein.

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Vanity@Gehirn_Zelle