Das Verschwinden der Menschen ohne Abschiede in einfachem Schweigen. Der Roman aber kann auch eine Utopie des Abschieds sein: SOKRATES Folge 338:

Uri Bülbül
Zerstückelt, fragmentiert, zerfahren-«jetzt erkenne ich's stückweise» wie «durch einen Spiegel in einem dunkeln Wort»! Ja, so war es, ein dunkles Wort, ein Abgrund, in den er schaute, ein Loch, macnhmal malte er sich aus, dass es ein Fenster war in eine absolute Finsternis. In seinem Zimmer gab es Licht, aber draußen, wenn es je ein Draußen gab, gegeben haben sollte oder geben könnte, was für ihn nicht immer gleich wahrscheinlich schien, war da Finsternis. Und er ein Stückwerk in einem Kämmerchen, in einer Zelle, in einer kleinen Wohnung oder eben in der Unterbringung in einer wie auch immer gearteten Villa, eine Psycho-Villa, ein Sanatorium oder ein Irrenhaus. Seine Nase schmerzte wieder. Er dachte an seine Kindheit und immer war da irgendwo eine Schreibmaschine. Und nun sollte er verhaftet sein; das hatten ihm die beiden Beamten unmißverständlich zu verstehen gegeben: Eine junge Frau, kaum dreißig, sehr hübsch, er war beeindruckt vom ersten Moment an. «Wie sind Sie hier herein gekommen?» hatte er gefragt. Er stand unter der Dusche, hatte Seife auf dem Kopf und nun auch in den Augen, weil er sie vor Erstaunen und Schreck so weit aufgerissen hatte. Aber die blonde Frau wirkte sanft, ihre Augen wie das Mittelmeer von einer griechischen Insel aus betrachtet, hell, sonnig leuchtend, strahlend und funkelnd, dass der ganze Schreck verschwand und ihn euphorisierte bis zur Übermütigkeit. Die Frau machte keinerlei Anstalten, sich wegzudrehen oder das Bad zu verlassen. Statt dessen hielt sie eine Scheckkarte in die Luft: «Damit». Was er aber für eine Scheckkarte gehalten hatte im ersten Moment war ihr Dienstausweis: «Kriminalpolizei: Kommissar Johanna Metzger». Sah sehr offiziell aus, authentisch, ein Landeswappen unverkennbar symbolisierte die Staatsmacht. Ihre Augen, die er jetzt sah, obwohl er es lieber gehabt hätte, wenn sie sich umdrehte, waren mindestens so schön und angenehm wie ihre Stimme. «Ich würde mich jetzt gerne abtrocknen», brachte er hervor über seine eigene Souveränität auf den Schreck hin überhaupt noch sprechen zu können, selbst überrascht. Sie reichte ihm ein Handtuch.
«Lass uns zusammenpacken», sagte Betti. Das kleine Wölfchen, was sie mitgebracht hatten, seine funkelnden Augen, beunruhigten sie, wie sie ebenso durch die fehlende Nacht in Laras Erinnerung beunruhigt war. Nein, dieser Ort mißfiel Betti. Einiges war durchaus interessant gewesen und auch die Begegnungen hatten ihr gefallen, aber ihre Welt war das nicht. Und auch Laras Welt schien es nicht zu sein, ganz im Gegenteil, womöglich brachte diese Welt Lara sogar in Gefahr. Entschlossen hob Betti das Wölchen hoch, es fühlte sich in ihrem Arm wohl. Sie konnte gut mit Tieren umgehen. «Ich bringe es zu Norbert. Er wird sich sicher um das Tierchen kümmern», sagte sie. Lara hörte nur mit halbem Ohr zu, sie war schon damit beschäftigt, den Schrank aus- und ihre Tasche einzuräumen. Prüfend auf ihre Bewegungen warf Betti einen Blick auf ihre Tochter. Keine Spur vom Ohnmachtsanfall.

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