Zwischen den Jahren müsste eigentlich genau die richtige Zeit sein für Geschichten aus den Zwischenwelten. Ist der kafkASKe Fortsetzungsroman SOKRATES nicht eine solche Geschichte aus den Zwischenwelten? Folge 349: Der Dichter und sein Avatar...

Uri Bülbül
Verhaftet? Er? Und nun in dieser Villa? Und in deren Bibliothek im Kaminzimmer zwei Bücher im Regal, die von ihm sein sollten, die er aber nicht geschrieben hatte: «„Der sprechende Delphin“ und „Die Paradiesologie“», murmelte er halblaut gedankenverloren die beiden Titel vor sich hin. «Das ist schon ein Experiment wert, aber die ersten Ergebnisse sind unglaublich unheimlich», sagte er und blickte ängstlich auf seinen Computer. «Das darf doch nicht wahr sein! Ich kann noch nicht einmal einen Text wortwörtlich wiederholen, den ich wirklich selbst geschrieben habe!» Er biss sich auf die Unterlippe. Es war womöglich nicht gut und richtig, in diesem Zimmer laut zu sinnieren. Es war auch nicht wirklich richtig, ein Buch, noch dazu ein so seltsames mit der Einleitung zu beginnen. Nur Autorenlaien glaubten, dass man ein Buch mit der Einleitung begann. In Wirklichkeit begann man irgendwo, sortierte dann langsam, je mehr der Text wuchs, man gliederte und gliederte neu und sortierte die Kapitel um und schrieb noch einmal Bezüge zwischen den Kapiteln, die man umsortierte, in die Kapitel und ließ so langsam das Gedankengebäude und den Buchtext wachsen. Die Struktur entwickelte sich nach und nach. Und irgendwann war es dann soweit, da stand das Werk fast komplett und dann wusste man auch, wie die Einleitung dazu aussehen sollte. Aber in diesem Fall war es ein Experiment und es ging ihm in erster Linie gar nicht darum, ein Buch zu schreiben, eine Abhandlung, einen Essay oder wissenschaftlichen Aufsatz. Es ging erst recht nicht um die Unterschiede zwischen diesen Textgattungen, wenn es sie denn überhaupt gab. Waren die Gattungsgrenzen nicht immer fließend? Was genau musste den Unterschied zwischen einem Essay und einer Abhandlung ausmachen? Und was genau musste diese beiden von einem „wissenschaftlichen Aufsatz“ unterscheiden? Was überhaupt sollte „wissenschaftlich“ denn bedeuten? Nein, nein, seine Gedanken schweiften ab, als wollten sie den Kern des Problems, das ihn wirklich plagte, umschleichen wie die Katze den heißen Brei! «Wenn ich eine Paradiesologie tatsächlich schreiben wollen würde oder geschrieben hätte», sagte er sich, «wie würde ich dieses Buch beginnen? Nicht mit der Einlaitung – das ist schon klar, aber um meine gedankliche Versuchsanordnung etwas zu erleichtern, sage ich mir mal: ich fange mit der Einleitung an.» Aber da scheute er wie ein ungezogenes Springpferd vor der kleinen Hürde. Nein, da wollte er nicht weiterdenken. Denn was sich da vor seinen Sinnen und seinem Verstand abgespielt hatte, war unglaublich. So machte Uri Nachtigall einen Schwenk ganz schnell, um auf andere Gedanken zu kommen: «Warum soll mich eigentlich diese Paradiesologie mehr beschäftigen als das andere Buch, das man ebenfalls mir zuschreibt?» fragte er sich schnell. «Ich soll also ein Buch über das Paradies geschrieben haben bzw. sogar über die Wissenschaft vom Paradies, denn nichts anderes bedeutet die Endung -logie und eines über einen sprechenden Delphin.»

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