«Die Philosophen haben die Welt nur verschieden interpretiert; es kömmt drauf an, sie zu verändern.» Karl Marx, Thesen über Feuerbach, Geschrieben im Frühjahr 1845. Nach der Veröffentlichung des Marx-Engels-Lenin-Instituts, Moskau, 1932.

Uri Bülbül
Diese 11. Feuerbach-These von Karl Marx wurde und wird oft gegen die Philosophie und Philosophen verstanden. Seit Anbeginn der Philosophie steht sie unter diesem Legitimationsdruck gegenüber jenen, die sie nicht betreiben und auch nicht recht verstehen: Wozu soll sie gut sein?
Diese Frage aber, die eine teleologische ist, (Telos=Ziel) setzt ein funktionierendes Bezugssystem voraus, wo jedes Ding und jede Tätigkeit einen Zweck im System erfüllt, nämlich den, wozu es bzw. sie da ist.
Aber von Anbeginn der Philosophie steht diese im Konflikt mit der Teleologie, weil sie eine geistige Haltung und Tätigkeit ist, die einen beobachtenden Außenstandpunkt einnimmt und von dieser Perspektive aus das Funktionierende betrachtet. Sie könnte auch als so etwas wie der Ausguck auf der Brücke eines Schiffes verstanden werden, der mit dem Fernglas in die Ferne schweift, um zu schauen, was eventuell auf das Schiff zukommen könnte. Damit hat der Ausguck eine und keine Funktion zugleich; denn weder braucht man ihn, um das Schiff in Gang zu setzen noch braucht man ihn für die Navigation. Aber er verleiht auf der Brücke doch eine gewisse Sicherheit.
So auch die Philosophie, die um die Systeme und auf sie selbst beobachtend (Theorie) schaut. Manchmal sogar betreibt die Philosophie in ihrer eigenen Tradition, sich als System und ein historisches Wesen betrachtend, Nabelschau. Sie steht außerhalb und über den Dingen und Systemen und auch außerhalb ihrer selbst als Meta-Theorie.
Dies erklärt nicht den Ausdruck „Metaphysik“, auch wenn man zurecht denken kann: die Philosophie betrachtet auch die Wissenschaft von der körperlichen Welt (=Physik) von außen. Denn die Metaphysik entwickelt sich hierbei selbst zu einem System, das nicht ausreichend beschrieben ist, wenn man sie nur als Betrachtung der Physik von außen versteht. Vielmehr befasst sie sich mit spekulativen ewigen Gesetzen auf spiritueller Ebene, die angeblich die materielle Welt ordnen. Die Metaphysik zieht sich ihrem Begriff nach konsequent aus der Erfahrungswelt heraus, da die Erfahrungswelt immer auch eine materielle, physikalische Komponente hat, und versucht mit Argumenten der reinen Vernunft, des rein Geistigen also, die Prinzipien durch Reflektion zu ergründen, die die Welt insgesamt und universell zusammenhalten und ordnen. Dieses Arbeiten mit reinen Begriffen ist mit einem Wort als Rationalismus zu bezeichnen. Darin zählen allein die Gestze der Logik, ganz gleich, ob die Begriffe, mit denen operiert wird, inhaltsleer sind oder nicht.
Marx aber hatte mit seiner 11. These keineswegs die Metaphysik im Auge, weil Feuerbach selbst, Metaphysikkritiker ist. In dieser These ist besonders auf das Wort „nur“ zu achten. Etwas zu tun ist nicht falsch, aber „nur“ es zu tun, kann falsch oder ungenügend sein. Nicht die Interpretation der Welt an sich ist zu bemängeln, sondern dass daraus nichts auf die praktische Welt zurückfließt. So kommt es nämlich darauf an, sie zu verändern.

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