«Alles gesellschaftliche Leben ist wesentlich praktisch. Alle Mysterien, welche die Theorie zum Mystizism[us] veranlassen, finden ihre rationelle Lösung in der menschlichen Praxis und im Begreifen dieser Praxis. » Karl Marx, 8. Feuerbachthese.

Uri Bülbül
Marxens Kritik an Ludwig Feuerbach zeigt eine Dimension, die heute so wichtig ist wie eh und je. Vordergründig geht es in der Auseinandersetzung mit Feuerbach um dessen Kritik am Christentum und an der Religion, im Werk «Das Wesen des Christentums». Aber Marx setzt sich nicht mit dem Wesen des Christentums auseinander, sondern richtet seinen Blick auf das Wesentliche des Denkens. Wir alle stehen vor dem Phänomen, dass das Denken zum Grübeln werden kann, dass man sich in Zustände und Einbildungen hineinsteigert durch Denken, dass man sich in Zweifeln und Spinnereien und Phantastereien ergeht, sich in Spekulationen verliert, sich Dinge durch Denken immer mehr und bunter und in der Phantasie lebendiger ausmalt und sich dadurch in eine schier wahnhafte Stimmung begibt und von der Wirklichkeit immer weiter entfernt. Das kann auch Folgen für die Wirklichkeit haben.
Dramatisch kennen wir diese Art des Denkens durchaus auch am eigenen Leib bei der Eifersucht zum Beispiel. Man deutet alle möglichen Zeichen auf den Punkt hin: werde ich betrogen oder nicht, kann ich meinem/r Liebespartner/in trauen oder nicht, bis sich das so sehr steigert, dass man völlig verfehlte Entscheidungen trifft, wie Shakespeares Othello, der seine Desdemona aus Eifersucht tötet, weil er davon überzeugt ist, dass sie ihn betrügt und die Ärmste hat nicht die leiseste Ahnung, was vor sich geht.
Dieses Phänomen des wahnhaften Denkens und Grübelns kennen wir im Drama auch bei Hamlet oder auch in der Psychologie von Paul Watzlawick beschrieben in seinem wundervollen Buch «Anleitung zum Unglücklichsein». Ironisch versucht uns Watzlawick vor Augen zu führen, wohin wahnhaftes Denken führen kann.
Wenn man es etwas weniger psychologisch und mehr philosophisch betrachten will, haben wir das spekulative Denken, das ohne bewiesene Tatsachenbehauptungen aus der Wirklichkeit, ohne gesicherte Wahrnehmungen und empirische Erkenntnisse, von Annahmen ausgehend streng logisch sich Gedankengebäude errichtet. Das war in der mittelalterlichen Philosophie traditionell Gang und Gäbe. Einige Schriften mit Behauptungen über die Himmelskörper oder die Entstehung der Welt wurden als wahr angenommen, weil es eben geschrieben stand und darauf hat man dann ganze Weltanschauungen und Gottesbeweise errichtet, die in sich zwar logisch schlüssig klangen, aber in ihren Grundlagen und Grundbegriffen jeglicher Tatsächlichkeit entbehrten.
Zuletzt führte René Descartes in seinen «Meditationen über die erste Philosophie» (gemeint ist damit die Metaphysik) mit den Gottesbeweisen den oben beschriebenen Rationalismus vor Augen und verfasste so etwas wie ein Manifest des Rationalismus, das in dem bekannten Satz gipfelt: Ich denke, also bin ich. Der Gedanke, dass man an allem zweifeln kann, reizte die spätere Philosophie sehr und machte Descartes Ansatz zur Kultphilosophie.

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