«Alles gesellschaftliche Leben ist wesentlich praktisch. Alle Mysterien, welche die Theorie zum Mystizism[us] veranlassen, finden ihre rationelle Lösung in der menschlichen Praxis und im Begreifen dieser Praxis. » Karl Marx, 8. Feuerbachthese. Teil2

Uri Bülbül
Der methodische Zweifel bei Descartes, was eine Reduktion der Wahrheitsbehauptungen bewirken sollte, um an einen Punkt der Gewissheit zu kommen, von wo aus man ein neues Theoriengebäude errichten kann, wurde zu einer Ulknummer der Pseudophilosophie, worin alles einfach nur bezweifelt wird, ganz ohne Sinn und Verstand. Manche finden diese Art sei ein tatsächliches und einzig mögliches Philosophieren, andere nehmen das als Beleg dafür, wie unsinnig Philosophie doch sei, da sie wirklich an allem und jedem zweifeln ließe, was man eigentlich in der Lebenswelt als gesichert braucht, um überhaupt leben zu können. Wenn ich mich auf einen Stuhl setzen will, aber an seiner Existenz zweifle, wenn ich durch eine Tür gehen will, aber an ihrer Existenz zweifle, kann ich bald keinen einzigen Schritt mehr tun. Oder ich erkläre alles zu einer Illusion und lebe munter weiter ganz ohne die Unterscheidung von wahr und falsch, wirklich und unwirklich. Damit hätte die Philosophie ihren Sinn wirklich vollkommen verfehlt, denn gerade sie will doch ihrem Begriff und Anspruch nach die Liebe zur Weisheit sein und uns zur Erkenntnis verhelfen.
Philosophie wird also absurd und völlig verulkt, wenn sie außer Zweifel an allem und jedem gar nichts mehr übrig lässt. Die Leute, die die Philosophie so darstellen, müssen sich aber auch fragen lassen, mit welchem Recht sie das tun und worauf sie sich genau berufen, denn leztendlich haben sie ja selbst gar keine gesicherten Grundlagen dazu. Auch der Satz: «Alles ist subjektiv oder alles ist beliebig» ist paradox, weil zumindest er selbst Anspruch erhebt, allgemeingültig und nicht beliebig und eben objektiv zu sein; denn er macht eine Aussage über «Alles».
Da haben wir die Theorie nicht nur im Wahn und im Mystizismus wie in religiösen Behauptungen über die Erschaffung und Beschaffenheit der Welt, weil es irgendwo geschrieben steht, als könnte man keine falschen Behauptungen aufschreiben, sondern auch im Absurden.
Bemerkenswert ist, dass Marx in dieser These von «rationell» und nicht rationalistisch spricht. Während die Behauptungen einer Theorie ohne reelle Grundlagen aber in sich logisch schlüssig rationalistisch sind, ist eine rationelle Theorie eine, die sich praktisch bewährt und zum Begreifen dieser Praxis verhilft. Die Praxis ist zwar keine absolut sichere Gewähr für die Wahrheit und Richtigkeit einer Theorie, aber mit einem gewissen Pragmatismus kann man sie gut ertragen, wie es auch die Naturwissenschaften tun: solange eine Theorie erklärt und Voraussagen erlaubt, die praktisch eintreffen, kann man sie als wahr gelten lassen.
Die Praxis also bekommt Priorität, das gesellschaftliche Zusammenleben der Menschen und damit die Politik. Und die Politik wiederum hängt nicht unerheblich von ökonomischen Verhältnissen und vom Besitz und Eigentum ab. Und diese Praxis prägt den Menschen, der nicht ein abstraktes Wesen an sich hat, sondern wesentlich veränderbar ist.

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