Rick Blaine aus dem Film „Casablanca“ erinnert Philomena an jemanden aus ihrem Romanleben. Wer wird das wohl sein? Und welche seltsamen Geschichten verbergen sich dahinter? SOKRATES Folge 355:

Uri Bülbül
Als Psychologin sollte ihr nichts Menschliches fremd sein und sie sollte mit einem gewissen Wohlwollen, das zumindest Verständnis ermöglichte, ohne mit dem einverstanden zu sein, was sie sah, beobachtete und erlebte, an die Menschen und Ereignisse und ihre Situationen herantreten können. Das erforderte Weisheit und wie es so schön biblisch hieß: Weisheit, die Verstand hat. Aber ja, diese Weisheit hatte Philomena inne. Mit dieser Weisheit bewegte sie sich wunderbar durch die Lebenswelt und durch die Romanwelt. Was für eine Doppelung! In Rick's Café dachte sie an die Geschichte des Films Casablanca: Der Lebemann Rick ist in seinem Leben kein unbeschriebenes Blatt. Er betrieb in den 1930er-Jahren Waffenschmuggel für das von Italien angegriffene Äthiopien und kämpfte auch im Spanischen Bürgerkrieg auf der Seite der Republikaner. Das Nazi-Deutschland aber belieferte Francos Leute mit Waffen und wollte einem faschistischen Diktator wie Mussolini in Italien und Hitler in Deutschland zur Macht verhelfen, während die Republikaner unter sich uneins waren und ihren Kampf nicht ordentlich koordinierten. Die Anarchistischen Truppen kämpften für sich, die sowjetisch unterstützten für sich. Die republikanische Linke war also in sich uneinig wie die Linke meistens immer etwas unter sich zu streiten findet und dabei den eigentlichen Gegner aus den Augen verliert. Bei aller Weisheit war das ein Phänomen, was auch Philomena nicht gar so leicht begreifen konnte. Aber so ganz verständnislos war sie demgegenüber auch nicht. Rick jedenfalls wurde aufgrund seiner Erfahrungen gegen die Italiener in Äthiopien und gegen die Faschisten in Spanien zu einem, wie man so schön sagt, „desillusionierten Zyniker“. Richard Blaine, alias Rick, der Café-Besitzer, ein Mann, der politisches Unrecht und den absolut dummen Nationalsizialismus und Faschismus nicht ausstehen, der auch in seinem scheinbar unpolitischen Café die Unterstützung von bedrängten und verfolgten Menschen nicht lassen konnte und unter der Hand einen Handel mit gefälschten Visa und Ausreisepapieren betrieb oder zumindest wohlwollend duldete, dieser Rick Blaine erinnerte Philomena an eine Person aus ihrem realen Romanleben. «Um diesen Mann werde ich mich auch noch kümmern», dachte sie, «ein interessanter Kerl und mit einigen Fragwürdigkeiten in seiner Biographie. Die größte Fragwürdigkeit ist für mich nicht die Geschichte aus seiner späteren Jugend in der politischen Hausgemeinschaft, sondern jene mit Kristina Albermann, als er schon gut über vierzig war und was nicht gar so lange zurückliegt. Was genau ist da wohl passiert? Das muss ich herausbekommen und dazu muss ich diesen Menschen näher kennenlernen», ließ sie es sich durch den Kopf gehen, während Alice merkte, dass ihre Begleiterin, die sie noch nicht als „Freundin“ bezeichnen wollte, mit ihren Gedanken in die Ferne schweifte. Alice hielt Ausschau, ob sie nicht die beiden Piloten aus dem Airbus hier trafen.

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