Schier unglaublich lang sind nun die Pausen zwischen den Folgen des SOKRATES-Romans. Aber es kommen bald nicht nur wärmere Tage, sondern auch heiße Ereignisse in SOKRATES auf uns zu. Kommissar Ross jedenfalls wird es glühend heiß... bald. SOKRATES Folge 358

Uri Bülbül
Kurz vor Morgengrauen klapperte ein Lastwagen der städtischen Müllabfuhr auf den Marktplatz von Libreville. Viele Händler vom Land waren schon da und hatten hier genächtigt. Menschenleer konnte man den Marktplatz nicht nennen. Aber auf den Lastwagen achtete dennoch kaum jemand. Etwas abseits hielt er an und vier Männer stiegen auf die Ladefläche, wo sich ein schwarzer Würfel mit einer Seitenlänge von 2m befand. Die Männer gaben sich keine große Mühe mit dem Abladen des Würfels. Zwei hatten schon beim Heraufklettern die Klappe hinten aufgemacht. Gemeinschaftlich schoben sie den Würfel an den Rand der Ladefläche, was nicht ganz einfach zu sein schien, denn der Würfel wog nicht wenig. Unachtsam stießen sie ihn dann von der Ladefläche herunter. Sie klappten die Klappe wieder nach oben, stiegen in die Kabine vorne ein und der Lastwagen verschwand schnell wie er aufgetaucht war. Es würde nicht lange dauern, bis nach Sonnenaufgang die Wände des schwarzen Würfels so heiß wurden wie die Heizstäbe eines Elektroofens. Aber das konnte von den unbeteiligten sowie teilnahmslosen Menschen auf dem Platz niemand wissen. Und noch interessierte sich auch niemand für diesen Würfel und dessen Inhalt. Dabei war es keineswegs ein gewöhnlicher Anblick: ein pechschwarzer Würfel, der durch den Fall vom Lastwagen kaum merklich verzogen und deformiert worden war, im Wesentlichen aber unverändert massiv aussah. In der Dunkelheit des noch nicht anbrechenden Tages konnte man den Würfel aus einiger Entfernung gar nicht wahrnehmen. Noch fragte sich auch niemand, was in diesem seltsamen Container sein mochte. Wenn dieses Ding überhaupt ein Container war, so konnte man aber nicht erkennen, wie und wo er sich öffnen lassen sollte. Eine Klappe oder Schlösser waren nicht vorhanden.
Hauptkommissar Alfred Ross war von einer Ecke in die andere geflogen und hatte sich in der Finsternis überschlagend den Kopf heftig irgendwo angestoßen. Ohnmächtig wurde er dadurch nicht, hatte aber nebst einer großen Beule auch starke Kopfschmerzen. Die verletzte Stelle am Kopf konnte er kaum berühren, ohne aufschreien zu müssen. Dabei ahnte er nichts von seinem Glück, dass der schwere Wasserspender mit der dicken Glasflasche ihn nur knapp verfehlt hatte. Wäre die Glasflasche auf seinen Kopf gefallen, hätte er jetzt auch im Koma liegen oder gar tot sein können. Ross aber war noch in der Lage, Gedanken zu fassen, und er war weit davon entfernt, resignieren und aufgeben zu wollen. Er war irgendwohin transportiert worden in einem ziemlich großen Behälter und war in seinem Container mit einer kleinen Toilette für die Notdurft und einem Wasserspender mit Betäubungs- und Beruhigungsmitteln versorgt worden. So finster es um ihn auch sein und so schlecht es auch um ihn stehen mochte, seine Gedanken nahmen eine Klarheit an, die ihn zum Handeln ermutigten. «Das sind keine Amateure, die fast zufällig, einfach spontan, jemanden niederschlagen und in einer Kiste verstecken», konstatierte er. «Das sind Profis!»

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