Else @Erwachsenenstammtisch Du bist schon da, du schwebst unsichtbar zwischen den Zeilen und hast schon zur Landung angesetzt. Unausgesprochenes kündigt dich an, für alle, die zu lesen verstehen ;) SOKRATES Folge 371:

Uri Bülbül
Da Katja Hardenberg es durchaus auch bewusst war, dass die Fragen bezüglich der Personalentscheidung in Sachen Villa, die der Minister gefällt hatte, beim Referatsleiter für Innenrevision Polizei deplaziert waren, beendete sie das Gespräch in ihrem Büro schnell: «Ja, ich werde mich jetzt sofort mit dem Minister in Verbindung setzen. Ihnen danke ich auf jeden Fall für Ihre Mühe, Herr Kollege.» «Sehr gerne, Frau Kollegin. Ich stehe Ihnen in der Sache jederzeit zur Verfügung.» Damit ließ er sie allein. Er konnte sich seinen Teil denken oder es lassen. Er gehörte zu jenen Menschen in der Bürokratie, die es lieber ließen. Wozu sollte man sich unnötig viel Gedanken machen? Ihm konnte nichts passieren, das Ganze hatte mit ihm nichts zu tun, also ließ er es, sich weitere Gedanken zu machen. Katja Hardenberg telefonierte kurz mit dem Vorzimmer des Ministers und war wenige Minuten später persönlich dort vor Ort. Vielleicht war es etwas zu voreilig, vielleicht hätte sie sich eine bessere Strategie zurechtlegen sollen. Das hatte sie aber nun nicht und nun sollten sie auch keine Selbstzweifel plagen, was ihre Sache nur erschweren würde. «Sie können eintreten!», sagte die junge Vorzimmerdame sanft, «Herr Minister erwartet Sie.» Eine junge Germanistin, die in sechs Semestern einschließlich ihrer Bachhelorarbeit ihr Studium „abgeschlossen“ hatte und mit Literatur- und Sprachgeschichte vertraut, die Abgründe der Grammatik erblickt und Eichendorffs „Taugenichts“ gelesen hatte und somit ausreichend für das Leben gewappnet war, das sie nun im Vorzimmer des Ministers führen konnte. Was sie hierher trug, war die enge Freundschaft zum Sohn des Ministers gewesen, den sie in einem Elitecamp während des Abiturs kennengelernt hatte. Der Workshop, den sie besuchten trug den Titel «Gesellschaft und Verantwortung». Katja beachtete die Kleine nicht weiter, sie war in ihren Gedanken schon weit vorausgeeilt und saß schon dem Minister mit übereinander geschlagenen Beinen gegenüber. «Katja, meine Beste!», rief der Minister überschwänglich euphorisch. «Wie war dein Urlaub?» Sie wollte natürlich nicht über ihren Urlaub sprechen und er eigentlich auch nicht. Aber die rhetorische Strategie des Wind aus den Segeln nehmens hat fast jeder Profipolitiker im Fleisch und Blut. Erst einmal harmlose Gesprächsfelder suchen und besetzen und darin die Rede und die Redemacht an sich reißen und sichern und den anderen so wenig wie möglich zu Wort kommen lassen. Dabei die womöglich zurecht gelegte Redestrategie durchkreuzen und das Konzept wirkungslos machen. Katja wusste nur zu genau, dass dagegen vorzugehen nicht einfach war; sie durfte ihre Ziele nicht aus den Augen verlieren und durfte zugleich nicht allzu fixiert darauf wirken. Mit Charme den Minister umarmen und einen Begrüßungskuss auf die Wange geben, verschaffte ihr kleine Diskursvorteile. Dabei wehte auch ein Hauch von Urlaubswind durch den Raum: «Bombay, um es mal altmodisch zu sagen, ist eine großartige Stadt», sagte sie.

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