Der vierte Band des SOKRATES-Romans entsteht, die feinen Verbindungen kristallisieren sich heraus und in diesem Zusammenhang erhält die Psycho-Villa eine neue Chefin - nicht unumstritten im Innenministerium! SOKRATES Folge 372:

Uri Bülbül
Seine Staatssekretärin war ihm rhetorisch gewachsen, was ihm nicht schmeckte. Aber vielleicht würde sie ja demnächst über eine „Angelegenheit“ stolpern. Er musste es so drehen, dass sie ihn nicht mitriss – sollte sie doch auf Staatskosten frühpensioniert werden. Ging sie nicht schon auf die Fünfzig zu? Sie nahm ihm gegenüber Platz und schlug die Beine übereinander. Seine ambivalente Erregung war kaum zu übersehen. Aber genau das konnte ihn auch gefährlich machen. «Fünf Tage sind ja gar nichts für diese Stadt, das kannst du dir ja denken!» plauderte sie gelassen weiter. Seine Augen funkelten. Er hätte sich am liebsten auf die andere Seite seines Schreibtisches zu ihr gesetzt. Er wollte ihr nahe sein, sie berühren. Sie nahm eine etwas verschlossenere Haltung ein, in dem sie ihre Beine nebeneinander stellte und nicht mehr übereinander schlug und etwas an ihrem Rock zupfte, um ihn Richtung Knie länger zu machen, was natürlich nicht gelingen konnte und auch nicht sollte. Das Berufsthema war ebenso für Beruf wie für einen Flirt geeignet: «Ich möchte mit dir über eine Personalie sprechen» sagte sie. Er hatte es geahnt. Natürlich dieses verfluchte Experiment oder wie man es sonst bezeichnen sollte. Und langsam wurde da in diesem Bereich alles heiß, sehr heiß, zu heiß, verdammt nochmal brandgefährlich. Aber sie sollte ruhig mal das Thema anschneiden. Vermeiden würde es sich auf die Dauer sowieso nicht lassen. Aber noch einmal fünf Jahre erfolgreich deckeln vielleicht. Und dann konnte er sich anderen Dingen und Themen zuwenden. Ob er diese Zeit hatte, wurde aber immer fraglicher. Sie sah sein bedrängnis, aber genau darauf wollte sie keine Rücksicht nehmen. Er hatte noch nie zuvor von „forensischer Kybernetik“ gehört. Und vor fünfzehn Jahren sollte ein solches Institut gegründet worden sein im Auftrag des Innenministeriums. Und es nahm sofort die Forschungsarbeit auf, aber alles darüber wurde streng geheim gehalten. Wenn er heute vor den Innenausschuss zitiert würde, wüsste er nichts darüber zu erzählen und könnte seinen Hut nehmen. Da war es doch recht und billig erst einmal eine Personalentscheidung zu fällen, die vielleicht einen Spalt weit die Rolläden öffnen und ein wenig Licht ins Dunkel bringen konnte. Er traute das Else @Erwachsenenstammtisch zu. Welche Rolle Katja Hardenberg bei alldem spielte, war ihm schier egal. Und ihre Meinung zu seiner Personalentscheidung war ihm erst recht vollkommen gleichgültig. Aber ein Abendessen mit Hoffnung auf Weiteres müsste doch herauszuschlagen sein, flüsterte ihm seine Intuition zu. Katja hatte ein freundliches aufmunterndes Lächeln aufgesetzt: «Mag sein, dass die Psycho-Villa einwenig undurchsichtig erscheint, die Arbeit dort war bisher durchaus fruchtbar», sagte sie, «genau deshalb wollte ich dich fragen, welche Beweggründe du hattest, den Leiter des Sanatoriums auszutauschen.» «Ich habe es den entsprechenden Gremien lediglich nahe gelegt», korrigierte er sie.

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