Welcher deiner liebsten fiktionalen Charaktere wärest du gern? ??

Ich bin in jedem fiktiven Charakter meiner Figuren einwenig enthalten und auch er in mir, es gibt Schnittmengen - mehr oder weniger groß. Aber jede Figur ist auch eine Charakterstudie. Literatur und Schreiben haben nicht nur etwas Expressives; es geht nicht allein und manchmal sogar nicht einmal wesentlich darum, sich auszudrücken. Sie haben für mich auch etwas Investigatives, enthalten Recherche, Untersuchung, phänomenologisches Betrachten im Sinne Husserls "Eidetik" (=sich die Dinge, Erscheinungen vor dem geistigen Auge in der Vorstellung aufscheinen lassen, vor Augen rufen, vergegenwärtigen). Keine literarische Situation, kein Charakter, keine Figur kommt ohne eine Vorstellung zur Welt. Die Vorstellung, nenne es von mir aus auch Phantasie, obwohl ich gerne mit diesem romantisierten Begriff etwas vorsichtiger umgehen würde, ist die notwendige Bedingung für jede Fiktion überhaupt.
Das Besondere an literarischen Charakterstudien ist ja die schier selbstverständliche Affinität zur phänomenologischen Eidetik. Man erzeugt eine geistige Laborsituation, ist ganz bei sich und im Beisichsein im Geiste widmet man sich einer Vorstellung: man malt sich etwas Bestimmtes aus, im Falle der Charaktere eine BESTIMMTE Person in einer bestimmten Situation. Man fängt an sich Fragen zu stellen: wie ist sie in die Situation gekommen, was kennzeichnet sie als Charakter und wie wird sie mit der Situation umgehen können? Wie genau ist die Situation? Also muss man auch diese erst einmal analysieren. Und so entsteht in der Laborsituation des WAS-WÄRE-WENN ein ausgemaltes Bild.
Die Phänomenologie ist sich hierbei der Problematik des hermeneutischen Zirkels bewusst: im übertragenen Sinne bedeutet das: dein Bild hängt von deinem Vorstellungsvermögen ab. Deine subjektiven Fähigkeiten ermöglichen und verunmöglichen dir die Vorstellung und das Bild darin. Was für dich unvorstellbar ist, könnte ja in der Welt passieren, aber nicht in deinem Bild vorkommen. Du sagst irgendwann: „das war unvorstellbar und passierte doch!“ D.h. die Wände deines Labors werden von deinem Vorstellungsvermögen erzeugt. Sie bestehen aus deinem hermeneutischen Zirkel, in dem du dich befindest: ohne Vorkenntnis kein Verstehen - kurz gesagt! Das ist der Zirkel: du verstehst, was du kennst, wovon du etwas weißt, oder doch zumindest erahnst. Aber gewiss gibt es eine Welt außerhalb deines Zirkels. Das weißt du, dahin möchtest du ja mit deinen Vorstellungsexperimenten in deinem Labor gelangen, so bist du einwenig in einem Paradox gefangen, es sei denn dein Zirkel ist eine Spirale, so dass du dich wenigstens in die Höhe schrauben kannst. Die Phänomenologie bietet dir diese Möglichkeit mit dem Begriff der Epoché an: das bewusste Ausklammern des bisher als gewusst Angenommenen. Du musst sozusagen in deinem Labor, dein Was-wäre-wenn-Experiment ausweiten, dich deiner Vorannahmen bewusst werden und dann durch andere ersetzen. So komme ich dahin, dass ich alle meine fiktiven Charaktere gern wäre.