Prokrastination ist vielleicht eine Krankheit, aber vielleicht auch der Ausdruck von Gesundheit und gesundem inneren Widerstand gegen äußere Zwänge und Widerlichkeiten. Der SOKRATES-Roman muss jedenfalls nicht aufgeschoben werden. Folge 379:

Uri Bülbül
«Dort drüben im Gartenhaus ist Ihre Rechtsanwältin und Freundin… -darf ich das so sagen? Ist das zutreffend? Sie waren doch mit Ayleen Heersold befreundet, nicht wahr?...» Der Theaterphilosoph zeigte keine Reaktion, als habe er nichts mehr gehört und wahrgenommen von dem, was Oberländer sprach. Dieser setzte seinen Angriff fort: «Ihre Rechtsanwältin und Freundin liegt drüben in der Gartenlaube tot, halb verwest, weil schon seit Tagen tot und nackt… - das aller… aller...» er machte eine kleine Betonungs- und Steigerungspause, ohne dass ihm ein anderes Wort aber hier und an dieser Stelle einfiel und wahrscheinlich gab es kein passenderes: «…- das aller Ekeligste kommt noch: tot, verwest und immer und immer wieder sexuell mißbraucht… - ja...» Er hatte den Faden verloren. Was wollte er sagen? Was genau war überhaupt seine Absicht? Wollte er diesen Möchtegern-Künstler vollständig und restlos in den Wahnsinn treiben? Denn eines war eigentlich klar und machte diesen Verhörton einwenig obsolet: der Tatverdächtige war inflagranti ertappt worden, als er sich an der Leiche verging und saß nun ebenso reglos wie dieser Theatermensch vor Oberländer im Polizeibus vor zwei Beamten, die nur auf Anweisung warteten, ihn ins Präsidium fahren zu dürfen. Oberländer hatte jedoch befunden, dass Herr Kommissar Hoffmann selbst diese Anweisung geben sollte. Und dieser war noch nicht eingetroffen. Einige Beamte schirmten den Wagen mit dem Tatverdächtigen noch einmal extra ab. Im Gartenhaus arbeitete die Spurensicherung und der forensische Fotograf. Auch der Gerichtsmediziner war mit seinen Untersuchungen vor Ort noch nicht fertig. Er sicherte und beschriftete die Abstriche aus dem Genitalbereich der Leiche. Gegen den Verwesungsgeruch hatte er sich eine starke Duftsalbe gegen Erkältung unter die Nase geschmiert. «Der Typ kann eigentlich direkt in die Klapse», sagte draußen einer der Polizisten, der den Wagen abschirmen half, in dem der Delinquent saß. «Klapse?» fragte sein Kollege. «Ist das hier nicht sowas wie eine Klapse? Eine schöne alte Villa für die Irren – ist das nicht zum Verrücktwerden?» Der andere lachte: «Ja, kannst du ja, wenn du magst! Wer weiß, was hier sonst noch alles passiert. Ich meinte natürlich die Geschlossene.» «Wer weiß, was hier sonst noch passiert», wiederholte der erste nachdenklich. «Diese Gegend ist mir unheimlich», fügte er noch hinzu und verfiel in Schweigen. Auf dem Weg hierher war auch die Kommissarin Johanna Metzger verunglückt und lag nun im städtischen Klinikum im Koma. Und ihr Partner Ross war auch zuletzt auf dem Weg ins Sanatorium gewesen, bevor er verschwand. Ihm sträubten sich die Nackenhaare. Weiter wollte er schon gar nicht mehr denken. Wenn es schon den brutalen Ross erwischte, konnte dieses „Sanatorium“ mit seinem Wald alle vernichten. Uri Nachtigall wurde es schwarz vor Augen – die Stimme des Hilfskommissars rückte in irreale Ferne. Ayleenchen also tot? Womöglich seinetwegen?