Menschliche Niedertracht und Gemeinheit lassen mich als Humanisten doch sehr an meinem Humanismus zweifeln - manchmal. Oder sollten sie eher Motivation sein und mich in meinem humanistischen Engagement bestärken? SOKRATES Folge 380 gibt darauf auch keine Antwort:

Uri Bülbül
Wollte sie ihn in diesem Irrenhaus besuchen? Der Gedanke, dass er auf ihren Hinweis hin hierher kam und blieb – warum eigentlich? Warum war er nur geblieben? - dieser Gedanke kam ihm zwar in den Sinn in diesem betäubenden Moment, aber beruhigte ihn keineswegs; es war eher wie ein Albtraum: Uri Nachtigall fühlte sich wie der Sportlehrer in dem schlechten Witz, der «Alle Speere zu mir!», rief und starb. Alles, alles an herumfliegenden, umherschwirrenden Ideen war in seine Studierstube eingebrochen: da lag ein Werk Stalins „Über die Grundlagen des Leninismus“ im selben Stapel wie Lenins „Was tun?“ und „Zwei Taktiken der Sozialdemokratie in der demokratischen Revolution“ und auf facebook hatte er eine kleine Anekdote über den türkischen Sozialdemokraten Bülent Ecevit gelesen, der sich auch als Lyriker hervortat. Des Theaterphilosophen Frau Mutter sah in diesem Poeten der Politik einen gefährlichen Kommunisten und fragte, als der Philosoph noch ein Kind war und sehr von der Sorge der Mutter ergriffen wurde, mit Angst in der Stimme, ob er denn alles enteignen würde, wenn er Regierungschef würde. Der Vater hatte ganz gelassen abgewunken: «Ach Quatsch!» Der Theaterphilosoph selbst hatte die Gedichte nicht gelesen – niemand in seiner Familie hatte diese sozialdemokratischen Gedichte je gelesen, wenn sie denn überhaupt politisch zu kategorisieren waren. Nur der Kommunismus, das war klar, war etwas Fürchterliches. So fühlte sich die mütterliche Stimme an und ging dem kleinen Jungen durch Mark und Bein. Und dann war dieses Posting auf Facebook, ganze Epochen später sollte man meinen. Das Zeitalter der sozialen Netzwerke hatte längst ins Leben Einzug gehalten: und der türkische Sozialdemokrat schaute etwas verträumt mit einer Krawatte um den Hals und einer Zigarette in der Hand mit scheelem Blick ins Leere. Fast ein Jugendfoto könnte man meinen, zu einer Zeit geschossen, als es kein Internet und soziale Netzwerke im digitalen virtuellen Raum gab. Und die Anekdote dazu war, dass Ecevit gesagt haben sollte: Eines Tages werde sich diese Ordnung ändern. Und jemand aus dem Publikum rief: «Die Ordnung ist mit sich zufrieden und findet sich in Ordnung. Wann ändern sich denn die Ordentlichen?» Die Antwort darauf machte den in die Jahre gekommenen kleinen Jungen, der irgendwann begriff, dass ein Gespenst umging in Europa und in der Welt, nun im digitalen Zeitalter endlos traurig: niemals! Er erinnerte sich an die ersten Zeilen des Hölderlin-Gedichts Mnemosyne: „Ein Zeichen sind wir, deutungslos,/Schmerzlos sind wir und haben fast/Die Sprache in der Fremde verloren.“ Ein Albtraum: «Schwer drückt der Abend/Mir auf die Brust, als/Gelte es eine Mücke zu zerdrücken/Gefangen an der Scheibe/Mit dem letzten Blick auf die Schönheit/Des Blauen Himmels, der Blauen Blumen/Der Wiesen/Des Teiches in dem/Ich als Larve im Schilf gehangen.» dichtete er deutungslos und was hätte er nicht alles darum gegeben, aus diesem Traum zu erwachen.