Nadia macht sich auf den Weg in den Hattinger Wald. Basti verschollen oder schon längst bei den Seeräubern? Und Hilfskommissar Oberländer versucht den Theaterphilosophen zu verhören. Dieser unter Schock: Ayleen ist tot. Gibt es einen Weg ins Land der vierten Dimension? SOKRATES - Folge 382:

Uri Bülbül
Nadia war nicht auf der Suche nach menschlichen Ab-, Tief- oder Hintergründen. Etwas verärgert und besorgt suchte sie vielmehr das kleine Delphinchen, das immer mal wieder frech und vorlaut in ihrer Badewanne auftauchte – immer dann, wenn sie sich mal gerade entspannen wollte. Sie hatte es in einem Eimer Wasser aus dem Bad getragen, um ihre Ruhe zu haben und ungestört und vor allem unbeobachtet zu sein; nun aber, da sie in ihrem Zimmer nach ihm sehen wollte, um ihm zu sagen, dass sie es gleich in den Teich im Hattinger Wald tragen würde, wo die Seeräuber ihre Lieder grölten und auf Wind in ihren Segeln warteten, wo der kopflose Kapitän auf der Brücke thronte und Rudi sein „Rüsselschweinchen“ auf der Schulter trug – nun sah sie, dass der Wassereimer leer war. Kein Wasser, kein rosafarbenes Minidelphinchen, kaum größer als eine Badeente. Sie tastete erstaunt den Fußboden ab; der Teppich war genauso trocken wie der Eimer, obwohl Nadia sich sicher war, Wasser in den Eimer gefüllt zu haben, bevor sie den Delphin hineinsetzte. «Schwesterchen, suchst du deine Kontaktlinsen auf dem Teppich?» Nadia fuhr plötzlich herum. «Mensch! Was machst du da? Hast du nichts besseres zu tun, als um mich herum zu spionieren und zu schleichen?» Ihr Bruder zuckte gelassen die Schultern. «Mach ich gar nicht. Deine Tür stand offen und ich habe dich auf dem Boden krabbeln sehen.» Er wusste, dass sie keine Kontaktlinsen besaß oder trug. «Warst du vorhin in meinem Zimmer?», fragte sie ihn mißtrauisch. «Nein, war ich nicht! Du bist komisch», antwortete er unwirsch und ging weiter. Sie trat auf den Flur und sah ihm nach. Er drehte sich zu ihr um und streckte ihr die Zunge. Nein, ihr Bruder hatte den Delphin sicher nicht versteckt. Das verriet ihr ihre Intuition. Der Delphin hatte sich mit dem Wasser im Eimer selbst davon gemacht, auch wenn sie es nicht erklären konnte, wie so etwas möglich sein sollte. Da gab es doch dieses eine Zitat mit Schulweisheit und Dingen zwischen Himmel und Erde. Von wem war das bloß? Jedenfalls war etwas Wahres an diesem Spruch. Sie beschloss zum Bassin zu gehen; es wurde allerhöchste Zeit, einige Dinge mal grundsätzlich zu klären. Dazu zählte sie auch das Geheimnis des rosa Delphins. Es war ein Fußweg von 20 Minuten etwa, bis sie den Rand des Hattinger Waldes erreichte. Knapp nach fünf Minuten ließ sie ihr Viertel und die Stadt hinter sich, ging an dem rot durchgestrichenen Namensschild der Stadt vorbei, das das Ende der geschlossenen Ortschaft anzeigte und folgte der Landstraße Richtung Südwesten. Sie musste nicht lange an der schlecht geteerten und mit Schlaglöchern versehenen Landstraße entlang gehen. Sie konnte auch parallel dazu den Trampel- und Pferdepfad auf der anderen Seite des Straßengrabens wählen. Aber sie liebte die Muster des Straßenbelags zu betrachten, die Formen und Ränder der Schlaglöcher und wie hier und dort durch Löwenzahn die Teerschicht, die mehrere Zentimer Stärke hatte, sich hügelig wölbte und aufbrach.