Ein Facebookfreund schreibt: «der todestrieb ist eine offensichtliche anlehnung an schopenhauer und an den durchdachten kulturpessimismus der beiden - eher eine philosophische kategorie metaphysischer natur als eine psychoanalytische hilfe…» (Andreas Egert) SOKRATES Folge 385:

Uri Bülbül
Der Mann gehörte offensichtlich nicht in das 21. Jahrhundert, er gehörte auch nicht so recht in das vergangene Jahrhundert, das ja gerade mal 20 Jahre rund vergangen war, so dass ein Mensch mittleren Alters ganz gut beide Jahrhunderte erlebt haben konnte, ohne gleich selbst Enkelkinder zu haben. Nadia liebte ausgefallene Kleidungsstile, sie zog sehr gerne außergewöhnliche und zeitlos wirkende Kleider an. Gerade, wenn sie Spaziergänge in den Wald machen wollte, fand sie es besonders schön, ungewöhnlich angezogen zu sein. Sie war keineswegs eine oberflächliche junge Frau, vielmehr war sie wissensdurstig, neugierig und herzlich. Und ungewöhnliche Kleider zu tragen, erweiterte ihren Erfahrungshorizont, beeinflusste sie und ließ ihre Seele in anderen, seltenen Wellen schwingen. Und ihre Herzlichkeit drückte sich nicht in strahlender Offenheit und Freundlichkeit aus – so etwas konnte oft sehr oberflächliche Maskerade sein. Nadia suchte Authentizität, Wahrheit und noch mehr Wahrhaftigkeit. Und das machte sie verhalten, zurückhaltend, was manchmal etwas schüchtern wirkte und manchmal auch abweisend. Es war, als müsste ihre Seele imprägniert werden gegen das Lausige in der Welt. Und Nadia ahnte, dass dieses Lausige sie nadelstichartig plötzlich und unerwartet treffen konnte und ihr Weh tun. An dem Radfahrer aber war nichts Dorniges. Er strahle offen und ehrlich bis über beide Ohren, weil Nadia vom Spaziergang gesprochen hatte, worin er eine Reise sah. Nadia reiste sehr, sehr gerne und war auch schon viel herum gekommen, aber der Weg in den Hattinger Wald zum Bassin war nun wirklich eindeutig ein Spaziergang und keine Reise.
Der Bassin selbst hatte die beachtliche Größe eines ordentlichen Waldsees, und obwohl er an den Rändern mit Moos, Farn und Algen zugewuchert war, viele Wasserpflanzen und Schilf sich ausgebreitet hatten, war doch unübersehbar, dass er künstlich angelegt worden war und kein natürlicher Waldsee, auch wenn das sehr weit zurückliegen mochte. Die geometrische rechteckige Form, die rechten Winkel, wo an jeder Ecke des Bassins sich ein Häuschen befand - da hatte ein menschlicher planerischer Geist gewirkt, wenn es auch schon etliche Jahrzehnte her sein mochte. Aber wer legte bloß so ein großes Becken an mit einer Wasseroberfläche von 10 km²? Zu welchem Zweck sollte das Becken dienen und zu welchem Gebäudekomplex sollte das gehören? Es war weit und breit keine Straße in der Nähe, keine Überreste einer verfallenen Stadt, eines Dorfes oder eines Schlosses. Ein schier wildwüchsiger Wald mit riesigen alten Bäumen, Sträuchern, Kräutern, Büschen, Hecken, Farngewächsen und natürlich auch mit Tieren, auch wenn sie einem nicht ins Auge stachen – ganz selbstverständlich lebten viele Vogelarten, einige zwitscherten und sangen, die Spechte machten sich durch ihre Klopfzeichen bemerkbar, Tauben gurrten und bewohnten alle Ebenen des Waldes von den Baumwipfeln bis zu den Büschen. Der Mensch aber schien nicht viel Hand anzulegen, an diesen Wald.