Von Menschen und Wäldern und menschlichen Beziehungen. SOKRATES Folge 386:

Uri Bülbül
Friedhelm Förster war nicht nur dem Namen nach Förster. Er war es eigentlich auch mit Leib und Seele; sein Revier zu durchstreifen und jeden Winkel, jeden Fuchsbau, jeden Baum zu kennen erfüllte ihn; er führte gerne Pfadfindergruppen durch sein Revier, Tierschützer, Naturliebhaber, Vogelkundler, Schulklassen. Und alle steckte er mit dem Feuer seiner Begeisterung an; selbst die gleichgültigsten Schüler, die widerwillig und unter Schulzwang an dem Ausflug in den Hattinger Wald teilnahmen und ihren Schulausflug viel, viel lieber in einen Vergnügungs- und Freizeitpark gemacht hätten, fingen Feuer. Aber sowohl mit dem Wald als auch mit dem Förster ging eine schleichende, unbeschreibliche Veränderung vor sich. Man konnte nicht sagen, wann es anfing. Niemand hatte diesen Prozess ja wahrgenommen – auch Friedhelm Förster selbst nicht. Es war irgendetwas in ihm oder im Wald, wer weiß, ob es in ihm war und er es nur auf den Wald übertrug oder ob es erst im Wald war und ihn dann ansteckte? Irgendetwas musste es doch sein, was sich wie ein Schatten auf Wald und Herz legte. Der Wald war nicht mehr derselbe Wald und Friedhelm Förster war nicht mehr derselbe Mensch. Auch Kommissar Julius Hoffmann nahm den Prozess an seinem Freund nicht wahr, denn obwohl sie die gleiche Schulbank jahrelang gedrückt hatten und in derselben Stadt groß geworden waren, viele Kindheits- und Jugenderinnerungen teilten, hatten sie sich im Erwachsenenalter und Berufsleben auseinandergelebt. „Fritzi“, wie ihn Hoffmann nannte, war mit seinem Wald verheiratet und „Hoffi“, wie er von Friedhelm Förster genannt wurde, ging unentwegt auf Verbrecherjagd. So sahen sie sich nicht häufig, aber wenn es mal zu einem Treffen kam, schien alles so wie immer, als hätten sie sich nie aus den Augen verloren, sondern würden sich tagtäglich sehen. Das lag daran, dass die beiden immer die alte Kumpanei aus der Schulzeit nachspielten und auffrischten. Es kam nicht oft vor, dass sie sich gegenseitig Amtshilfe oder Freundschaftsdienste leisten mussten. Die Freundschaft ging noch nicht einmal soweit, dass sie sich über Berufliches austauschten geschweige denn über Privates. Fritzi war mit seinem Wald verheiratet und als es Julius Hoffmann „erwischte“, bekam Friedhelm Förster erst etwas davon mit, als die Einladung zur Trauung und Hochzeit in seinem Briefkasten landete, was dem aber für eine Zeit vorangegangen war und welche Etappen Hoffi durchlebt und Qualen durchstanden hatte, blieb Fritzi verborgen. Auch nach der Hochzeit wurde nichts davon zwischen den „Freunden“ thematisiert. Die Geschichte mit der „Geständigen“ bekam der Förster gar nicht mit. Plötzlich sah er einfach, dass sein Freund über vierzig Kilo abgenommen und eine stramme und gutgenährte Figur bekommen hatte, nun aber alles andere als fettleibig war. Und irgendwann, als es Friedhelm Förster wahnsinnig schwer fiel, aus dem Bett zu steigen, ging ihm durch den Kopf, ob die beiden alten Schulkameraden nun ihre Körper getauscht hätten.
Kommissar Dr.med.General Otto@Einfach_nur_Otto