Unaufhaltsam nähern wir uns an so etwas wie einen Spannungsbogen. SOKRATES Folge 393 nach zwei Intermezzi...

Uri Bülbül
Wie sie sich so unterhielten, verging wie im Flug die Zeit. Rick‘s Café füllte sich allmählich und da kam auch ein junger kleiner Mann, den einige Gäste zu kennen schienen, denn sie applaudierten schon, noch bevor er sich an das Klavier setzte. Verschämt und bescheiden verbeugte er sich zum Dank und begann zu spielen, nachdem er die Abdeckung und Verkleidung des Klaviers abgenommen und die Saiten entblößt hatte. Überraschenderweise begann er sein Spiel nicht mit dem Anschlag der Tasten, sondern er strich und zupfte die Saiten mit den Fingern wie ein Harfespieler. Als er die Tasten anschlug, dämpfte er den Klang der Saiten mit der flachen Hand und modulierte die Töne. «Was ist das Wesen des Menschlichen?», wiederholte Philomena die vorhin im Gespräch aufgeworfene Frage. Vielleicht war das Wesen, dass sie von dieser Musik auf eine unbeschreibliche Art direkt in der Brust berührt wurde. Der Flugkapitän dachte in eine andere Richtung; er wollte die Antwort auf die menschliche Wesensfrage auf eine sicherere Grundlage gestellt wissen und sicher war für ihn die Wissenschaft. Er hatte ja nun erfahren, dass Philomena diplomierte Psychologin war und als Expertin für die Polizei beratend arbeitete. Diese Expertise konnte nur von der Wissenschaft genährt werden. Philomena senkte bescheiden wie schüchtern den Blick angesichts dieser Annahme eines Mannes, der sich natürlich in seinem Beruf ganz und gar den Ingenieursleistungen und der Erkenntnisse der Wissenschaft anvertrauen musste und dies auch so zu tun, gewohnt war. Aber da spukte auch etwas anderes im Kopf des Flugkapitäns umher und darauf hätte er gerne eine Antwort von dieser äußerst sympathischen und klugen Frau erfahren: was ist das Menschliche am menschlichen Versagen? Und stellt der Mensch immer nur einen Unsicherheitsfaktor in der funktionstüchtigen Technologiewelt dar? Philomena war von der orientalisch anmutenden Jazzmusik des jungen Pianisten angetan; sie hatte etwas Vertrautes und Befremdendes zugleich und ergriff ihr Herz. Das Sinnieren des Kapitäns rückte in die Ferne, obwohl sie mit ihren Gedanken wenigstens teilweise auch bei ihm war. Er erzählte, als würde er laut denken: «Da startet ein Flugzeug vom Typ Airbus A320-211 mit 150 Insassen in Barcelona mit dem Ziel Düsseldorf; der Flugkapitän verlässt das Cockpit, nachdem die zugewiesene Reiseflughöhe von 38.000 feet erreicht ist.» Alice und Philomena sahen den Kapitän fragend an. Dieser war mit den Sachinformationen beschäftigt: «38.000 feet sind ungefähr 11 600 m!» Kurz wechselten die beiden Frauen Blicke miteinander. Der Kopilot beobachtete alle drei schweigend und aufmerksam. Worauf wollte der Oberstleutnant der Luftwaffe hinaus? Sollte das eine Gruselgeschichte für wenig ängstlich wirkende Damen werden? «Der Erste geht raus, der Kopilot verriegelt unbemerkt die Cockpittür und leitet auf die französischen Alpen zu einen Sinkflug ein: er beschleunigt mehrmals und erhöht die Sinkrate bis zu 18 m/s.»

The answer hasn’t got any rewards yet.