Ein rosa Delphinjunge, eine sprechende Delphindame und Mutter namens Ophelia, mysteriöse Typen in Hülle und Fülle, eine junge Kommissarin im Koma - ein Theaterphilosoph im psychiatrischen Sanatorium und Machtgerangel im Polizeipräsidium. Dieser Roman braucht reißenden Absatz SOKRATES Folge 394:

Uri Bülbül
Was wollte der Oberstleutnant der Luftwaffe erzählen? Was wollte er von Philomena erfahren? Sie hatten versucht, diesem alten Regierungsschmarotzer ein Schnippchen zu schlagen und standen wahrscheinlich kurz vor der Suspendierung oder anderen Disziplinarstrafen, weil sie auf Philomena gehört hatten; sie waren sinnlos aufs Meer hinaus und wieder zurück geflogen angeblich um Zeit zu gewinnen – Zeit, die niemandem einen Vorteil verschaffte und nun saßen sie in Casablanca fest und der Oberstleutnant erzählte was von einer verriegelten Cockpittür und einem Sinkflug auf die französischen Alpen. Philomena ließ sich von der Musik des Pianisten treiben und überlegte, ob sie sich von ihm nicht „As Time Goes By“ in seiner Version und Interpretation erbitten sollte. Sie war sich sicher, er würde das auf eine einmalige und höchst individuelle Weise spielen. «Wie müssen sich die Passagiere gefühlt haben? Wie der ausgesperrte erste Offizier, der nicht in sein Cockpit zurückkam? Er war ausgeschlossen, ausgesperrt und hilflos. Was ging im Cockpit vor sich? Konnte er das begreifen?» Merkte der Oberstleutnant nicht, dass Philomena ihm nur noch zerstreut zuhörte und in Gedanken schon ganz woanders war? Den Kopiloten aber beunruhigte die Thematik. Der Fall hatte ihn seinerzeit schockiert und erschüttert – die Meldung auf einer Pressekonferenz zum Abschlussbericht der Untersuchungen der Absturzursache lautete: «Wir müssen fassungslos zur Kenntnis nehmen, dass das Flugzeug willentlich zum Absturz gebracht wurde.» Der Kopilot rutsche unruhig auf seinem Sitz hin und her, was Alice nicht entging. Philomena und den Oberstleutnant der Luftwaffe aber nicht zu interessieren schien. Sie floss mit der Musik dahin und er zappelte wie ein schlechter Schwimmer an der Wasseroberfläche, der abzutauchen versuchte, aber nicht in die Tiefe kam. Da war also ein Pilot ausgesperrt aus dem Cockpit und sein Kopilot leitete einen schnellen Sinkflug ein, so dass es sich nur noch um wenige Minuten bis zum Absturz handeln konnte. War es ein fataler Fehler, dass er das Cockpit verlassen hatte? Machte er sich in den letzten Sekunden seines Lebens noch Vorwürfe deswegen? Alice sog es in den Gedankenstrudel des Oberstleutnants. Sie stellte sich dieselben Fragen wie er, kam aber zu dem Schluss, dass eigentlich völlig klar sein musste, dass der Pilot vollkommen schuldlos war. Woher hätte er die Absichten seines Kopiloten ahnen sollen? Sie stellte sich vor, dass er bis zur letzten Sekunde versuchte, die Tür zu öffnen. Erst mit allen rationalen Mitteln, die er kannte, und dann, als diese nichts fruchteten mit verzweifelter Gewalt. Es war schockierend, dass jemand, der seinem Leben ein Ende setzen wollte, keinerlei Rücksicht auf das Leben anderer zu nehmen bereit war. Leben, die ihm anvertraut worden waren. Ein Pilot trug hohe Verantwortung. Seine Ausbildung war durchaus auch eine Charakterbildung. Und an einer Stelle schien das Berufsethos versagt zu haben. Oder musste man noch weiter gehen?

The answer hasn’t got any rewards yet.