Warum glaubt die Politik an Kunst? Warum gibt es eine Kulturpolitik? Oder ist das eher eine Kulturverwaltung?

Die Politik ist die Gesamtheit aller Handlungen, die sich auf das gesellschaftliche Zusammenleben beziehen und der Versuch dieses Zusammenleben zu beeinflussen oder zu regulieren. Im Wort steckt auch die "Polis", die der Idee nach ein optimales gesellschaftliches Reglement des gesellschaftlichen Lebens enthält. Wir dürfen nicht vergessen, dass sowohl die Terminologie dieser Handlungsbeschreibungen und Reflexionen als auch die Praxis auf eine militante Sklavenhaltergesellschaft zurückgeht. Nichts von der Demokratie-Idee ist in der Demokratie, wie wir sie uns in der Moderne auszumalen angewöhnt haben oder wie wir indoktriniert wurden, entstanden. Ich will damit sagen, dass alle diese Begriffe und die damit transportierten Ideologien und Vorstellungen in sich eine Heuchelei enthalten. Je idealistischer, desto heuchlerischer ist die Demokratie.
Aber Politik muss nicht zwangsläufig auf Demokratie abzielen. Politik kann Vorteilsnahme, Machtbegehren, sublimierte sexuelle Gier, verdrängte Lust und Ersatzbefriedigung oder die Durchsetzung wirtschaftlicher Interessen mit Mitteln der Gesetzgebung, Besteuerung und Handelsregulierungen sein.
Aus dem ganzen Umfang des Politikbegriffes kristallisiert sich der in der Frage verwendete Politikbegriff in enger gefasster Form heraus: Politik ist, was Politiker in der Gesellschaft und in politischen Institutionen machen. Und dies impliziert, dass Politik zum Beruf wird und sich personifiziert zur Kunst verhält. Diese Abstraktionen und Symbolisierungen wie Personifizierungen führen zu spekulativem, rationalistischem Denken und erzeugen einen hermeneutischen Zirkel des Unverstands gegenüber dem Leben. Erst bildet man abstrakte leblose Begriffe und operiert mit ihnen logisch, kommt zu Schlüssen, die mit Leben und Realität nichts zu tun haben. Die Aufgabe einer sensualistischen Philosophie, wie ich sie vertrete, sehe ich darin, den Zirkel des hermeneutischen Unverstands zu druchbrechen. Ludwig Wittgenstein bringt es auf eine kurze und einfache Formel: «Denke nicht, sondern schau!» Und es ist offensichtlich, dass niemand sich ernsthaft für Kultur und Kunst in der Politik interessiert. Kunst ist entstanden und ist so alt wie die Menschheit. Warum und woher sie kommt ist eher Gegenstand müßiger Spekulation und nicht Ausdruck eines Interesses. Es sind nur Künstler selbst, die davon ausgehen, dass sie ohne Kunst nicht leben können und diesen versucht die Politik zu beweisen, dass man von Kunst nicht leben kann! Und dann treten Künstler den Gegenbeweis an, dass Kunst nicht nur für sie selbst, sondern für "die" Gesellschaft überlebenswichtig sei. Die ganze Diskussion aber ist sinnlos. Kulturpolitik gibt es insofern, als Bestehendes verwaltet und für die Verwaltung immer wieder neue Regeln erschaffen werden müssen, damit sich die Politik selbst rechtfertigen kann; da die Politik nur sich selbst wichtig ist, nimmt sie alles wichtig, womit sie sich beschäftigt, so glaubt Kulturpolitik an Kultur ohne eine ideelle Intention.