Wann benötigt ein Anwalt philosophische Recherchen? Oder gibt er nur vor, auf diese Recherchen angewiesen zu sein, um einen Vorwand zu haben, finanziell einzugreifen?

Ich gebe dir keine direkte Antwort auf deine schöne Frage - sie ist zu schön, um einfach direkt beantwortet zu werden, denn die Antwort steht eigentlich schon im Text, der dich zu dieser Frage motiviert hat, und du antwortest in deiner Frage ja auch schon selbst. Ich glaube, du möchtest auch keine Antwort der einfachen Art, die auch ganz heraklitisch wortkarg: IMMER lauten könnte. Jeder Mensch braucht immer philosophische Recherchen und da Anwälte auch Menschen sind, braucht auch ein Anwalt immer eine philosophische Recherche. Ich möchte dir aber eine Kostprobe aus dem Roman-Text des SOKRATES geben:
Alles an Wahnsinn passierte. Mal in voller Nüchternheit und mal in trunkenem Schlaf nach einer Flasche Bourbon! War dieser Kairos, der geflügelte junge Mann mit dem kahlgeschorenen Kopf und dem Haarschopf über der Stirn womöglich mit Dionysos, dem Gott des Weines und Rausches und der rauschhaften Feste und Orgien verwandt? Natürlich meinte Hardenberg, wenn er das dachte: „in einer ganz besonderen Weise“ verwandt. Denn „irgendwie“ verwandt waren ja schließlich alle griechischen Götter? Aber er schüttelte über sich selbst und seine Gedankengänge den Kopf! Das war ja schon der schleichende Wahnsinn, dass er anfing, in mythologischen Kategorien zu denken! Aber die Zahl auf seinem Konto, die den Kontostand seines irrwitzigen Guthabens anzeigte, war real. Der Bankdirektor reagierte darauf. Aber das konnte ja auch bedeuten, dass das Finanzamt bald darauf reagierte. So saß Niklas Hardenberg wie gelähmt vor seinem Computer, ließ seine Gedanken kreisen wie Aasgeier, die nur darauf warteten, dass er verendete. War es in dieser gegebenen Situation nicht viel, viel besser, an die schöne Richterin zu denken? Mehr als tausend Millionen auf dem Konto! Was sollte er nur machen? Kolbig fragen, ob er nicht mit zehn davon, also bitte, das war ja nur ein Prozentelchen, abhauen könnte? Wäre das Unterschlagung? Diebstahl? Betrug? Aber mitnichten! Er hatte es niemandem weggenommen, er hatte niemandem Lügenmärchen erzählt, um an diese gigantische Summe zu kommen, er hatte absolut nichts unternommen und dennoch ereilte ihn diese Geldlawine! Und er war darunter begraben, ohne eine Chance, sich zu befreien! Als ob er in einer finsteren Kiste säße mit einem wahnwitzigen Druck auf seiner Brust – ein Wunder, dass er überhaupt noch lebte, wenn er denn überhaupt noch lebte. «Nicht wieder in den cartesischen Zweifel verfallen», sagte er sich aufmunternd, «du kannst jetzt keinen Zweifel, keine Kantkrise gebrauchen! Du warst heute morgen bei Gericht, hast den Haftprüfungstermin miterlebt und saßest dem Kommissar gegenüber, dem du schon einmal... aber nein, denk besser gar nicht erst daran; denn das ist schon ein Teil des Wahnsinns!» Aber genau diese Aufforderung bringt es natürlich mit sich, dass man an die Geschichte denken muss, die man zu verdrängen versucht; die Negation schlägt immer zurück als Setzung, das weiß jeder Logiker. Und da ist sie - die alte Geschichte... (Folge 236)