Können wir einen Moment Niklas ausschließen oder wäre dies das Äquivalent zu seinem Vorwurf an dich, dass du selbst vor dir selbst weglaufen würdest?

Spielen wir den Gedanken durch: wir schließen Niklas aus. Wovon? Aus dem literarischen Projekt, das seinen Namen trägt? Wir führen das Hardenberg-Projekt ohne Niklas Hardenberg durch: „Die Gesichter des Niklas Hardenberg“ findet ohne Niklas Hardenberg statt. Wozu ist er überhaupt gut - dieser Hardenberg? Wir lassen ihn weg und konzentrieren uns auf das, was das Projekt ausmachen soll: die Erkundung der freien Kulturszene durch Uri Bülbül! Das könnte eine Reportage werden - es ist ja durchaus im Rahmen einer Reportage, wenn der Reporter seine Position, sein Befinden, seine Lage in der Lage in die Reportage einfließen lässt. Da müsste der Reporter der freien Kulturszene zu sich und zu seiner Position stehen. Vielleicht nähern wir uns gerade durch den Ausschluss von Niklas Hardenberg der Figur und ihrem Existenzgrund. Ich mit mir allein mitten in der freien Szene. Ich kann die Sache journalistisch angehen als Reporter, aber nicht literarisch. Ich habe das Gefühl, ich werde durch die Abwesenheit von Niklas Hardenberg auf die Faktualität festgenagelt. Eine Faktualität übrigens, die in Hardenberg keine Äquivalenz hat. Er ist faktisch fiktiv. Nur durch seinen Eintritt in das Projekt wird das Projekt aus dem Journalistischen ins Literarische erhoben; es ist dokumentar-literarisch, es ist ein Dokumentarspiel, aber eben ein Spiel und keine Dokumentation. Ganz äquivalent zu zusammengesetzten Substantiven: eine Haustür ist eine Tür und kein Haus und eine Autotür ist ebenfalls eine Tür und kein Auto. Dieses Spielmoment nennt Hardenberg provokant meine Flucht vor mir selbst. Hardenbergs Ausschluss beendet das Spiel. Da wird plötzlich aus einem Dokumentarspiel eine Dokumentation oder eine Reportage, jedenfalls wechselt die Kategorie von der Fiktion zum Faktischen. Das Faktische aber, und das möchte ich dringend zu bedenken geben, ist weitaus suggestiver und hypnotischer als das Spiel; „Die Angst des rechten Sohns moderner Zivilisation, von den Tatsachen abzugehen, die doch bei der Wahrnehmung schon durch die
herrschenden Usancen in Wissenschaft, Geschäft und Politik klischeemäßig zugerichtet sind, ist unmittelbar dieselbe wie die Angst vor der gesellschaftlichen Abweichung. Durch jene Usancen wird auch der Begriff von Klarheit in Sprache und Denken definiert, dem Kunst, Literatur und Philosophie
heute genügen sollen. Indem er das an den Tatsachen wie den herrschenden Denkformen negativ ansetzende Denken als dunkle Umständlichkeit, am liebsten als landesfremd, tabuiert, hält er den Geist in immer tieferer Blindheit gebannt.“ (Adorno/Horkheimer, Dialektik der Aufklärung) Die Dialektik des Hardenberg-Spiels liegt darin, dass das Spiel dem Ernst mehr dient als der Ernst selbst es täte, denn er spielt den Subjekten etwas vor, verfestigt und zementiert die Steine der Gefängnismauern und lockert sie nicht auf. Ich aber ich will mit meinem Komplizen Niklas Hardenberg raus aus dem Hirnknast, dann erst entdecke ich die Freiheit in der Kultur (-Szene?) ;)