Dir ist bestimmt aufgefallen, dass die Menschen versuchen, ihren Geist zu verbessern, So viel wissen wie möglich anzusammeln, aber sich fast nie um die Kultur des Denkens scheren. Sie versuchen, logisch zu argumentieren, aber kümmern sich nicht darum, richtig zu denken. Stimmst du zu?

«Die Kultur des Denkens» - was für ein schöner Ausdruck, ein faszinierender Begriff. Ich möchte ihn auf die Paraphrasierung der Philosophie anwenden: Die Philosophie ist die «Kultur des Denkens», aber nicht jene, die die Schriftgelehrten an Universitäten lernen und lehren. Die universitäre Philosophie (ich würde sie nicht «akademisch» nennen, um den Begriff «akademisch» nicht zu beschmutzen), die universitäre Philosophie oder noch deutlicher und noch verächtlicher. die HOCHSCHULPHILOSOPHIE IST ZU 99,9% Philosophiegeschichte anhand Primär- und Sekundärliteratur. Das ist die traurige und dekadente Entwicklung der Philosophie, die zu akademischen Graden und Würden führt, was an sich schon dem Begriff des «Akademischen» Hohn spricht. Dagegen führst du nun, wie von magischer Zauberhand geführt, die Wendung «Kultur des Denkens» ein. Meine Anerkennung und mein Dank dafür! Chapeau!
Allerdings kann ich nun wirklich nicht behaupten, dass mir aufgefallen sein soll, dass Menschen versuchen «ihren Geist zu verbessern». Ach ja? Wann und wo soll das denn der Fall sein? Der Mensch im Medienzeitalter saugt Bilder, Nachrichten, Informationen in sich ein, scheint über das ganze Weltgeschehen Bescheid zu wissen oder lebt zumindest in diesem Gefühl vollkommen berauscht und zu keinem wahren Gedanken fähig, sammelt Wissen über einige enge Fachbereiche, weil er es irgendwie nutzen und als Kapital einsetzen kann, wendet hier und da mit seinem Geist Machteffekte an und ansonsten ist er ohnmächtig wie bewusstlos. In der Selbstoptimierung findet hier und da ein Gedächtnistraining seinen Platz und das war's! «Geist verbessern» habe ich noch nirgends entdeckt - nicht mal an mir selbst ;)
Ich finde es neben deiner Einführung der Wendung «Kultur des Denkens» äußerst bemerkenswert und anerkennenswert, dass du zwischen logischer Argumentation und «richtigem» Denken unterscheidest. Auch dafür Respekt! Diesen deinen Wendungen und Differenzierungen stimme ich zu.
Gemeinsam mit dir würde ich sehr gerne «richtiges Denken» inhaltlich bestimmen. Logische Folgerichtigkeit (nehmen wir den Begriff der «Argumentation» mal aus) allein macht «richtiges Denken» keineswegs aus. Wobei das Wort «richtig» hier nicht in die Irre führen soll: es meint nicht, Folgerichtigkeit und Wahrheit im Sinne von Übereinstimmung der Aussage mit der Wirklichkeit. Ein banales Beispiel hierfür liegt direkt vor uns: «Dieser Text ist von Uri Bülbül als Antwort auf eine ask.fm-Frage geschrieben, also ist Uri Bülbül der Autor dieses Textes». Ja, so ist es: wahr und folgerichtig und doch hat das nichts mit richtigem Denken zu tun! Denn richtiges Denken kann nur dort stattfinden, wo es voll in die Sensibilität der Sinnenwelt eingebettet ist. Die Kultur des Denkens muss also aus dem Denken hinausweisen! So viel Leben aber erlaubt diese Gesellschaft nicht, die nur auf Schein begründet funktioniert.