Vom "Geisterseher" zur "Gedankenkammer" - die paranormale Kraft eines jungen Mannes und was sich daraus entwickeln kann. Die Normalität aber arbeitet immer gegen das Individuum, egal, welche Fähigkeiten es in sich entdeckt. SOKRATES - Folge 410:

Uri Bülbül
Normalität war ja die eine Sache, daneben gab es ja auch eine andere: die Selbstverständlichkeit! Für ihn waren die Dinge, die er sah immer schon selbstverständlich. Wenn man Dinge sieht, sieht man sie eben, die Verwunderung kommt erst, wenn man das Gesehene nicht mit anderen teilen kann. Und das Schlimme dabei ist noch nicht einmal, dass der andere das nicht sieht, was man sieht. Schlimm wird es erst, wenn der andere einem zu verstehen gibt, dass man spinnt, dass es nicht normal sei, was man da sieht und dass die überwiegende Mehrheit der Menschen diese Aussage bestätigt. So wird Wahrnehmung zu einer sozialen Angelegenheit: entweder man sieht, was alle sehen und vor allem: man sieht nicht, was alle nicht sehen oder man ist verrückt! Wenn das selten passiert, sind das nur Sprüche unter Freunden: "ach, du spinnst doch!" Wenn man das aber immer und immer wieder zu hören bekommt, fragt man sich schon, ob man nicht vielleicht doch spinnt. Über das Spinnen hatte sich Ben auch schon viele Gedanken gemacht. Seinen Nickname hatte er doch nicht umsonst @Gedankenkammer, er zog sich in der Schule aber auch in seiner Familie immer weiter zurück, zurück in seine Gedanken, zurück in seine Gedankenkammer. Denn je mehr er seiner Mutter ganz im Vertrauen von seinen Wahrnehmungen erzählte, desto mehr spürte er auch ihre Sorge, dass ihr Sohn nicht normal war. Es hätte Ben nicht weiter gejuckt, wenn seine Mutter etwas anderes als große Sorge ausgestrahlt hätte, wenn sie zum Beispiel gesagt hätte: "mein Sohn Ben ist nicht ganz normal, aber das macht gar nichts, ich liebe ihn, wie er ist, man muss ja nicht unbedingt ganz normal sein. Mein Sohn kann Dinge sehen, die andere nicht sehen können, das ist sehr anormal, und anormal ist genial." Aber so war es eben nicht. Seine Mutter war in Sorge und von Schuldgefühlen und schlechtem Gewissen geplagt, als habe sie ein Monster in die Welt gesetzt. Und das konnte Ben nicht unberührt lassen. Schließlich war er die Ursache des Kummers seiner Mutter. So musste Ben schon einmal die Schule wechseln, weil er den Grund des Herzinfarkts des Ehemannes einer Lehrerin laut aussprach. Juristisch gesehen war es mindestens Unterlassene Hilfeleistung mit Todesfolge aus Habgier. Aber in der Strafprozessordnung waren keine Zeugen mit parapsychologischen Fähigkeiten zugelassen. Denn Ben hatte die Information vom Verstorbenen höchst persönlich erhalten. Er fand das deshalb besonders glaubwürdig, er wusste es sozusagen aus erster Hand, in der Schule aber machte er sich mit seinen Behauptungen mehr als unbeliebt. Er hatte seine Frau in einem lesbischen Akt mit ihrer Kollegin, die Mathematik und Sport unterrichtete inflagranti erwischt. Daraufhin war ihm das Herz zusammengekrampft, gestorben aber war er nach eigenen Angaben des Geistes, dass die Frauen sich weigerten, den Notarzt anzurufen.

The answer hasn’t got any rewards yet.