Filme im Kopf - ich habe mal scheinbar eine Frage erhalten und weiß nicht, ob ich sie je beantwortet habe - ich google, finde diesbezüglich nichts: welchen Film hast du zuletzt gesehen? Hast du ihn gemocht? Ich habe einen Zettel mit Filmen im Kopf...

Uri Bülbül
Das Meiste sehe ich im Kopf mit dem Kopf. Die Augen liefern mehr oder minder Zusammenhangloses. Die Bilder, die Filme, die Gedanken - sie alle entstehen im Kopf. Welchen Film habe ich zuletzt gesehen? Und habe ich ihn gemocht? Ich finde diesen Zettel auf meinem unaufgeräumten Schreibtisch, der vielleicht auch meinem Kopf und Herzen gleicht. Ich entstaube, versuche Ordnung zu schaffen in diffuser Trauer. Vor wenigen Minuten den Film in meinem Kopf. Er ging gut aus, und ich frage mich: Kerl, bist du paranoid? Und mein Verfolger, der mich immer wieder bei mir denunziert, Bestrafung, Überwachung und Folter verlangt, erklärt dazu: «Nein, du bist normal, langweilig und ein bißchen spießig.» Dann schlägt er mir vor, mit mir in den Keller zu gehen und ein paar Leichen auszugraben, damit sie endlich wieder befreit wären. Ich bezweifle, dass ihnen diese Freiheit hilf - «uns übrigens auch nicht», wende ich meinem Verfolger ein. Wir sind schon ein Team und ich spreche von «uns»! Er drückt mir wortlos den Spaten in die Hand. Damit kann ich nur im Garten graben, der Keller ist betoniert. Im Garten ein Loch - sieht aus wie mein Grab, gähnend leer und im Nebel ein Frauenschatten, und mein Verfolger sagt: «Winke nicht!» Warum sollte ich auch? Ich sollte besser einen anderen Film drehen. Auf der Rückseite des Zettels: Niklas Hardenberg im Interview. Er geht mit einer Journalistin eine Allee entlang - eine wunderschöne Allee im Herbst mit allen dazu gehörigen Millionen Farben. SIe kommen langsam aus dem Fluchtpunkt schlendernd auf die Kamera zu. Die Journalistin, eine schlanke Frau mit kurzen Haaren und später wird man sehen: mit einer Brille. Sie steckt in Jeans und in einem Parka. Hardenberg hat einen Mantel und einen Hut. In der Hand eine sehr altmodische Aktentasche. Der Film beginnt mit einer Kranfahrt aus der Vogelperspektive langsam im Sinkflug auf die Allee. In der Ferne auf der anderen Seite eine Villa, ein kleines Schlösschen, man wird es sehen, wenn die Kamera um 180° schwenkt, weil die beiden an ihr vorbei schlendern und sie sich drehen muss, um bei ihnen zu bleiben. Sie gehen auf die Villa zu. Die Allee mündet in ein großes Rondell mit einem Blumenbeet in der Mitte vor der Villa. Am Rande in der Grünanlage zwischen den Bäumen ein buckeliger Gärtner. Quasimodo höchstpersönlich. Er steht gedankenverloren vor einem großen Berg Laub, das er zusammengekehrt hat. Gestützt auf seinen Rechen betrachtet er die Wiese oder lässt einfach seine Gedanken schweifen. Es interessieren ihn die Herannahenden nicht, wenn er sie überhaupt erblickt hat.
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