Von Menschen, Bürokraten, Apparaten, Apparatschiks, Rädern im Getriebe und ganz zu schweigen vom Sand... SOKRATES zur Geisterstunde mit der Folge 411:

Uri Bülbül
«Ach, der kommt schon wieder zu sich», soll die Sportlehrerin gesagt haben, während sie sich in Ruhe anzog, ihre Frisur vor der Spiegelkommode zurechtmachte und das Haus verließ, nachdem sie sich in aller Ruhe und Zärtlichkeit von ihrer Geliebten verabschiedet hatte. Auch die Ehefrau soll kurz darauf das Haus verlassen haben, nachdem sie das Bett gemacht und alles aufgeräumt hatte, was nach einem Liebesakt aussah. Sie ging erst einkaufen und meldete den Fund ihres verstorbenen Ehemannes erst nach ihrer Rückkehr mit zwei Paar neuen Schuhen, einem Hut und einem Blazer. Ben noch in der sechsten Klasse ein Dreikäsehoch fiel dadurch in dieser Geschichte auf, dass er seine Mutter fragte, was eine lesbische Schlampe sei. Er erntete mit seiner Frage nicht nur einen empörten Aufschrei, sondern auch die Gegenfrage, woher er diesen Ausdruck habe. Die Wahrheit zu sagen, das lernte Ben bald, brachte überhaupt keine Vorteile. Wahrheit musste immer das sein, was die Normalität und damit die Macht immer hören wollte. Auch damit hätte Ben keine Schwierigkeiten gehabt, wenn er denn nur immer gewusst hätte, was das denn war. So wuchs nicht nur Ben allmählich zu einem jungen Mann heran, mit ihm wuchs auch das Image eines Sonderlings, die Hoffnung seiner Mutter, mit dem Älterwerden würde sich auch langsam ein anderer Realitätssinn bei ihrem Sohn einstellen, erfüllte sich nicht. Schließlich war Ben nicht auf den Kopf gefallen und nun wahrlich alles andere als dumm! Warum sollte er sich der Übermacht einer Normalität beugen, die alles andere als an der Wahrheit interessiert war? Ben begann auf eigene Faust zu forschen und kam alsbald dahinter, dass er mit seinen Visionen nicht allein auf der Welt war. Dies führte ihn zu weiteren Erkenntnissen und Bekanntschaften. Für ihn kristallisierte sich ein neues soziales Umfeld heraus, das seine Wahrnehmungen zwar nicht im individuellen Einzelnen, aber doch im Prinzip bestätigte, die Möglichkeit akzeptierte und ihn nicht als einen Phantasten und Lügner abstempelte. Dadurch wurde Ben aber auch etwas renitent, was ihm zwei Schulverweise bescherte, seine Akte im Schulamt wuchs und nahm einen beachtlichen und außergewöhnlichen Umfang an. Die Empfehlung des Schulamtes, ihn aus der Schule auszuschließen und psychiatrisch behandeln zu lassen stand an, die Entwicklungen hatten einen bedrohlichen Reifegrad erreicht. Eigentlich schwebte Ben in ernsthafter Gefahr. In der Psychiatrie zu landen und medikamentös gefügig gemacht zu werden, bis seine Visionen verschwanden und er auch das nur sah, was alle anderen sahen, konnte auch bedeuten, dass er seine körperliche Gesundheit verlor, krank und medikamentenabhängig wurde und sich immer weiter von einem gesunden Leben in Freiheit entfernte. Aber Ben sollte auch etwas Glück im Unglück haben. Die Sachbearbeiterin im Schulamt bereitete die Akte zur Vorlage in der vorgesetzten Behörde, der Bezirksregierung, zur Genehmigung des Verfahrens vor.