Kann Poststrukturalismus unter der Postmoderne subsumiert werden?

Ich würde «Poststrukturalismus» als einen, wenn auch etwas unglücklich gewählten Methodenbegriff der Kultur- und Gesellschaftswissenschaften bezeichnen. Die «Postmoderne» ist ein nicht weniger unglücklicher Epochenbegriff. Der Poststrukturalismus entsteht, wenn man die Begriffe so versteht, u.a. als Methode der Postmoderne. Die Vorsilbe «post» macht beide Begriffe zu sehr abhängig von dem, wonach sie kommen sollen. Einerseits kann ich das, wenn ich dialektisch-linear denke, nachvollziehen. Mit «dialektisch-linear» meine ich einen Entwicklungsbegriff, der zwar Bewegung und Entwicklung aus dem Kampf der Gegensätze ableitet, der aber zugleich eben wie eine steigende Linie verläuft, da es ja angeblich eine Entwicklung vom Niederen zum Höheren gibt. Und da kann die Vorsilbe «post» dem Bezeichneten höhere Weihen verleihen. Der Poststrukturalismus ist etwas Besseres als der Strukturalismus, hat dessen Fehler und Mängel aufgehoben und steht auf einer höheren Stufe, ist die dialektische Aufhebung des Strukturalismus. Und ebenso die Postmoderne die höhere Aufhebung der Moderne. Ich denke, wir sollten dieses Denkmodell abstreifen und zu konkreten Betrachtungen der Phänomene kommen - sowohl historisch-epochenkundlich als auch im Methodendenken. Der Poststrukturalismus wird auf jeden Fall nicht das essenzielle Merkmal der postmodernen Epoche sein! Mehrwertige Logik, Aufhebung der Dualismen, nicht binäres baumhierarchisches, sondern rhizomatisches Denken mit einer Vielzahl von Verästelungen (ich vermeide das Wort VerZWEIgung) an einem Knotenpunkt, Netzwerke und Synergien, nicht Monokausalität wie in der Mechanik, sondern vielfache Interdependenzen, die als Eigenschaften des postmodernen Denkens gelten sollten, können diese Epoche besser kennzeichnen, wenn das klassische, mechanistische Denken nicht zu übermächtig wäre - da hilft auch die Vorsilbe «post» nicht als Befreiungsschlag. Diese Eigenschaften könnte man methodisch auch als «Poststrukturalismus» bezeichnen, wenn man den binären Zerfall im Erklärungsmuster in generierende Strukturen in der Tiefe und generierte Phänomene auf der Oberfläche (Matrix-Welt) hinnehmen möchte. Es sind ja nur hypothetische Hilfskonstrukte, heuristische wie hermeneutische Hilfsmittelchen, die man mal einnehmen Kann, wenn man Zahnschmerzen oder eine Erkältung hat. Was aber wirklich begriffen werden muss, ist, dass die Welt und darin auch wir selbst begrifflich-rational nicht zu erfassen sind. Es ist wie der Versuch, unter dem Regenbogen hindurchzulaufen. Es ist ein nettes Spiel, kann aber zu nichts Wirklichem führen. Als marxistischer Pseudogroßinquisitor hätte ich meine Ausführungen hier früher mit knapp 30 Jahren als bürgerlich-subjektivistischen Idealismus verdammt. Damals war die wahre Religion die wissenschaftliche Weltanschaunung des Marxismus-Leninismus in Zentralverwaltung Moskaus. Irgendwann prägte ich noch Mitglied der KP den Spruch: Ich bin kein Marxist, kann selber denken! Heute bin ich quasi ein Sokratiker ;)