Wie kann man sich fruchtbar der Philosophie nähern? Von einem universitären Studium rätst du ja intensiv ab.

Mel Whatever
Oh, nein, das ist leider ein Mißverständnis, was an mir liegt. Ich habe mich zu sehr polemisch gegen die universitäre Philosophie geäußert. Das darf nun nicht als Abraten verstanden werden. Das ist mir sehr wichtig. Die universitäre Philosophie ist wie das Materiallager einer Fabrik oder der Fundus eines Theaters oder die Fundgrube eines Künstlers. Die Kreativität wirst du dort nicht finden, du musst das in dir suchen und entwickeln und dann macht es sehr viel Sinn, dass du einen Fundus hast, aus dem du schöpfen kannst. Ich polemisiere so heftig gegen die universitäre Philosophie, weil sie in ihrer Arroganz, Philosophen auszubilden, Verrat an der Philosophie begeht. Die Kultur des Denkens wird in bürokratischer Dekadenz erstickt. Löse dich von den Ketten der Studienordnung, höre dir Vorlesungen an, nehme aufmerksam das kommentierte Vorlesungsverzeichnis zur Kenntnis und stelle dich auch hier und da, wo du es für sinnvoll erachtest, einigen Aufgaben in Hausarbeiten schreiben. Davon ist dir nicht abzuraten. Das wäre ein fataler Fehler. Aber bleibe dir und deiner Intuition treu, werde nicht zum Nachbeter von abgepackten Theoremen und Philosophemen, halte dich von der formalisierten Philosophasterei fern. Konzentriere dich auf die Texte und Textabschnitte, die du wirklich liest und exzerpierst und versuche nicht, dich im typisch universitären Diskurs der Phrasendrescherei hinzugeben: «Aber in seinem Hauptwerk im Kapitel Blabla auf Seite Schießmichtot hat der Philosoph dies und jenes geschrieben... blablabla» Alles Blendwerk wider die Kultur des Denkens! Eine gute Kenntnis in Philosophiegeschichte, die Kenntnis einzelner Schulen und Texte, einzelner Termini und deren Funktion im Denksystem kann dir nicht schaden. Vergiftet wirst du erst durch den Diskurs der Philosophaster, die als Blender agieren. Von dort kann man sich übrigens auch sehr schnell in Depression stürzen, weil man sich heuristisch in Aporien verrennt und plötzlich das Gefühl bekommt, gar nichts mehr formulieren zu können, weil es zu allem und jedem ein Gegenargument zu geben scheint. Nicht nur du kannst andere im Blendwerk blenden, du wirst ja auch von anderen geblendet und schon versinkst du in Selbstzweifeln, ob du dies und jenes überhaupt «richtig» verstanden hast. Davor möchte ich dich warnen, denn nur ein kreativer Geist, der sich angstfrei entwickelt ist schön für das Leben und die Kultur des Denkens.
Das Ganze fängt schon damit an, dass du meinst, dich erst offiziell für ein Studium einschreiben zu müssen, um das Studium aufzunehmen. Versuche mal gegen diese Institutionsgläubigkeit zu handeln: gehe zur Uni, gehe einfach in Vorlesungen und Seminare, besorge dir einfach das kommentierte Vorlesungsverzeichnis, rede mit den Fachschaftern und Dozenten, ohne eingeschrieben zu sein. Erfülle nicht die Studienordnung, sondern benutze sie als Kompass für DICH. Dann bist du in der Universitas der Universität ;)
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