Eine person sagte mir mal, es wäre „basic“, dass man Goethe noch heute gerne liest. Stimmst du dem zu?

Man kann ja viele Basics definieren - man nennt das normative Definitionen. Aber ohne die nötige Suggestivkraft, dass man die Gewalt, die Macht hat, Normen aufzustellen, stehen solche Definitionen etwas hilflos im Raum - wie bestellt und nicht abgeholt. Dagegen kann man sich ja etwas wappnen und so tun, als hätte man nicht definiert, sondern die gesellschaftlich-moralische Macht zitiert. Wenn man damit nicht genug Eindruck schindet, steht man noch ein bisschen dümmer da als bestellt und nicht abgeholt - würde mal sagen: nicht bestellt, nicht abgeholt und man fragt sich: warum stehst du überhaupt hier rum.
Ich habe solche Dinge Gegenrumstand genannt - Geschenke, die kein Mensch haben will.
Also zurück zu den Basics in Sachen Literatur und Kultur - Gegenrumstände par excellence. Aber es wäre eine allein schon sprachliche Bereicherung, wenn man mit Genuss alte Texte lesen würde, aber Genuss lässt sich nicht normativ verordnen, also kann man schlecht sagen: es gehört zu den Notwendigkeiten, Goethe «gerne» zu lesen.
Ich kann Dir empfehlen, Goethe, Schiller, aber noch viel, viel mehr Hölderlin zu lesen. Wenn du Spaß daran findest, freue ich mich für dich, wenn du keinen Spaß findest, musst du den Spaß woanders suchen - aber nicht an verordneten Stellen.
Es hat mir jedenfalls großen Spaß gemacht: erst «Die Leiden des jungen Werthers» zu lesen und dann von Ulrich Plenzdorf: «Die neuen Leiden des jungen W.» Da ist Edgar Wibeau in einer Gartenlaube auf dem Plumpsklo und hat nichts anderes zum Hinternabwischen als ein kleines gelbes Büchlein, da er nun die ersten Seiten genau zu diesem Zweck verwendet hat, bevor er anfängt zu lesen, weiß er auch nicht, von wem das Buch ist, was er da so liest, aber darin kommt ein «Old Werther» vor! So nennt Edgar den jungen Werther, der sich schwer in ein Mädchen verliebt, das sich allerdings schon ganz konventionell einem anderen Mann versprochen hat, den sie auch heiraten wird. An so etwas kann man schon leiden und muss kein Werther sein. Wibeau jedenfalls ist schwerst angetan von den Textteilen, die er nicht praktisch für andere Zwecke benutzt hat. So etwas nenne ich «gerne». Das kann man nicht verordnen oder verordnet bekommen, aber komm du zu mir und wir lesen gemeinsam - vielleicht springt dann der Literaturfunke über.