Nein, ich habe tatsächlich mit Philosophie und Geschichte angefangen. Für Germanistik ist mein Umgang mit Satzzeichen wohl nicht die richtige Einstiegsbedingung. Philosophie hat mir unfassbar viel Spaß gemacht. Aber der Rest? Der Rest war katastrophal.

Lari Kohlrabi
Bei der Rückgabe einer meiner ersten Hausarbeiten meinte mein Germanistikprof: Herr Bülbül, halten Sie sich doch wenigstens an die eigenen Regeln bei der Zeichensetzung. Die Arbeit war nicht schlecht benotet, ich habe mir den Spruch zu Herzen genommen, aber mich wahrscheinlich an das Halten von Regeln auch eigenen noch nicht wirklich gewöhnt.
Könnte man die Universitas der zur Hochschule verkommenen Universität mit ihren Fakultäten ernst nehmen, gäbe es solche oberflächlichen Einstiegsbedingungen für ein Fach wie die Germanistik gar nicht.
Aber im Grunde gibt es sie auch nicht. Es gab den Numerus Clausus, das Abitur als Einstiegsbedingungen, aber auf Zeichensetzung hat man doch zu keiner Zeit einen Germanistikstudenten geprüft. Ich fürchte, du trägst viele Normen in dir, dabei sollten wir uns an den Homo-Mensura-Satz erinnernd selbst als das Maß aller Dinge begreifen. Will sagen: Du bist das Maß aller Dinge, werde dich dessen bewusst und halte mit Selbstbewusstsein deinen Standpunkt, der sich lutherisch so anhört: Hier stehe ich und kann nicht anders! Das nenne ich einen Standpunkt im wahrsten Sinne des Wortes. Ja, das führt zum Protest manchmal gegen äußere und uns aufoktroyierte Normen und Formen! Leider ist sich in einer derart entfremdeten Gesellschaft niemand der nächste! Alle sind sich und ihrem Wesen, ihren eigenen Maßstäben und Regeln entfremdet, erkennen sie nicht und ahnen nicht einmal, dass es sie gibt! «Jeder ist sich selbst der nächste» wird in dieser totalen Entfremdung zum opportunen Egoismus in Sachen Karriere oder materielle Vorteile durch Jobs, die man nie machen würde, wenn man in sich hinein horchen und die Stimme der eigenen Seele hören könnte. Statt dessen hört man Eltern, Großeltern, Lehrer, Medien, Freunde, Cliquen - all den soziokulturellen und sozialpsychologischen Kontext, nur nicht sich selbst.
Natürlich ist der Mensch ein soziales Wesen und wird auch zum Glück vom sozialen Umfeld beeinflusst. Aber wenn dieses soziale Umfeld schon von einem falschen d.h. lebensfeindlichen und auf Ausbeutung ausgerichteten System deformiert ist, kann kein Individuum hinter all den Überformungen sein Naturell entdecken. Das versuche ich allen - auch meinen Praktikantinnen und Praktikanten zu erzählen und sie zu motivieren, sich selbst zu entdecken; aber auch ein Praktikumsleiter ist doch ein gesellschaftlich überformtes Klischee. Hätte ich nur in mich hören können, hätte ich auch ein wesenhafteres Verhältnis zu dir aufbauen können, hätte weniger Anforderungen gestellt, sondern dich lauschen und vielleicht erzählen lassen. Statt dessen gab es Ziele, Aufgaben, Herausforderungen und was weiß ich noch für einen Quatsch - umso schöner finde ich, dass du sagst, du hättest Spaß an deinem Praktikum gehabt. Das ist ein toller Glücksfall. Ich erinnere mich an sehr schöne Fotos, die du machen konntest und feine erzählende Sätze mit einer schönen Ausdrucksweise. Vielleicht wäre das durch ein Germanistikstudium auch nicht gefördert worden.