TRIGGER-WARNUNG THEMA SUIZID: Was meinst du? Kann ein möglicher suizidaler Ausgang einer Depression ähnlich kausal gesehen werden, wie das Ende einer tödlichen Krebserkrankung? Wo beginnt Krankheit und wo endet der freie Wille? Und welches Narrativ ist für die Hinterbliebenen angenehmer?

Mel Whatever
Ich fange mal mit dem leichteren Teil der Frage an: das Narrativ lässt sich so nicht verallgemeinern. Es kommt auf die Hinerbliebenen an, und wie sie sich fühlen. Waren sie ignorant? Haben sie dumme Sprüche geklopft, die sie nun bereuen und sich Vorwürfe machen oder haben sie sich alle erdenkliche Mühe gegeben, um zu helfen, aber es endete nunmal so, wie es endete und nun fühlen sie sich womöglich um die Früchte ihrer Mühe betrogen oder resignieren, weil sie nicht helfen konnten. Ein Narrativschema für alle Fälle ist auf jeden Fall falsch und wenn es mal zutrifft, dass so wie eine stehende Uhr auch zweimal am Tag die richtige Uhrzeit anzeigt.
Zum ersten Teil der Frage: organische Leiden und psychische Leiden sind nicht einfach nur zweipaar Stiefel und völlig unabhängig voneinander zu sehen. Ich finde es methodisch falsch im Organischen mehr Mechanik und Monokausalität zu vermuten und in der Psyche die totale Zusammenhanglosigkeit und Kausalfreiheit.
Das Thema der Willensfreiheit ist ohnehin ein sehr schwieriges philosophisches Thema. Ich frage mich hierbei, ob wir überhaupt das richtige Bild von Freiheit haben, wenn wir über die Zusammenhänge der Bedingtheiten unseres Willens sprechen. Ist der freie Wille nicht allein schon durch die Depression eingeschränkt? Kann man vom freien Willen überhaupt sprechen, wenn sich alles im Leben auf eine Entweder-Oder-Entscheidung zuspitzt? Die Frage ist sehr anregend, eine einfache Antwort darauf unmöglich. Leben ist eine prima Alternative, wenn man denn nicht im Gefühl verharrt, dass es ein Vegetieren ist und den eigenen Wünschen und Erwartungen, Hoffnungen und Sehnsüchten überhaupt nicht entspricht. Suizid ist für mich auf jeden Fall keine verwerfliche Tat, sondern eine endgültige und unwiderrufbare. Ich hatte schon häufiger finstere Tage, an denen ich keinen Ausweg sah und doch den Selbstmord nicht wollte; und später habe ich erfahren, dass ich froh drum sein konnte; es kamen auch andere - aber ist das ein Narrativ für die Depression? Sicher nicht! Mit solchen Erzählungen kann man einem depressiven Menschen Leben, Laune und Tag gehörig versauen! Aber wenn es ohnehin nur noch um die passende Erzählung für die Hinterbliebenen geht, nachdem der Tod eingetreten ist, kann ich auch sagen: Macht euch die Welt, wie sie euch gefällt, aber treibt damit nicht einen Menschen in den Tod; denn auch das kann doch sein, dass die Hinterbliebenen nicht ganz "unschuldig" an der Depression und dem tödlichen Ausgang sind. Aber eine mechanische Kausalität mit einer entsprechend eindeutigen Schuld halte ich für möglich, aber sehr unwahrscheinlich. Die Dinge verketten sich manchmal sehr, sehr unglücklich. Aber genau hier liegt auch die Freiheit, nicht nur einem Strang zu folgen und einen Tunnelblick zu bekommen.

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