Werk und Schöpfer - sollte man das trennen? Lässt sich das überhaupt trennen?

Im Grunde hast du ja den letzten Teil deiner Frage schon durch die Frage selbst beantwortet - begrifflich hast du schon getrennt: «Werk und Schöpfer». Wir haben zwei Begriffe. Und haben wir nun eine einzige Bedeutung? Sind diese Begriffe synonym? «Werk» referiert auf das Hervorgebrachte, auf die Arbeit und Arbeitsergebnisse eines Menschen. «Schöpfer» bezeichnet hingegen den Menschen, die Person. Also lassen sich «Werk» und «Schöpfer» semantisch trennen.
Auch wenn deine Frage, nicht dies intendierte und mit dieser sprachanalytischen Antwort nicht zufrieden sein kann, beginne ich damit, denn ich finde die sprachanalytische Methode für ein sinnvolles Philosophieren sehr wichtig. Denn hier findet nun auch eine Klärung der Implikation in deiner Frage statt: Du hast natürlich selbst gewusst, dass «Werk» und «Schöpfer» semantisch getrennt sind und nicht ein Synonym bilden. Deine stillschweigende Voraussetzung in der Frage ist: lassen sich Werk und Schöpfer HERMENEUTISCH oder ETHISCH trennen?
Und dazu muss ich sagen, nicht nur ja, sie lassen sich trennen. Im Sinne einer guten Interpretation ist das sogar dringend notwendig.
Die logisch-formale Grundsturktur ist die einer Implikation: wenn p, dann q. Die Implikation lässt sich nicht umkehren. D.h. Wenn «p-->q» wahr ist, heißt es nicht, dass «q-->p» auch wahr sein muss. Das wäre eine Äquivalenz.
Mit anderen Worten: «wenn es regnet, werde ich nass» lässt sich nicht umkehren: «wenn ich nass werde, regnet es.» Ich kann auch duschen.
So verhält es sich auch mit Schöpfer und Werk. Wenn ein Schöpfer aus seinem Leben Dinge in sein Werk einfließen lässt, kann man aus dem Werk nicht auf das Leben des Schöpfers rückschließen. Man muss schon von vornherein wissen, was im Werk aus dem Leben ist. Das Wissen über Werk allein lässt, keine logisch gesicherten Rückschlüsse auf das Leben des Schöpfers zu.
Wenn Interpretation nicht in wilde subjektive Spekulation ausarten soll, sondern ein Bemühen um ein sachgerechtes Verständnis des Werkes und der Verständigung zwischen Werk und Rezipient, ist die Einhaltung der Regel der Unumkehrbarkeit der Implikation von größter Bedeutung.
Auf dieses Problem hat Jürgen Link in seinem Buch «Elementare Literatur und generative Diskursanalyse» aufmerksam gemacht, worin er frei wiedergegeben sagt: Biene und Honig, Mensch und Kot und Goethe und Werther stehen in gleichem Zusammenhang.
Wenn man nund daraus interpretiert, dass Jürgen Link, Werther und Honig Scheiße findet, dann hat man ein schönes Beispiel für eine Fehlinterpretation ;) Eine Interpretation ist natürlich Auslegung, aber niemals subjektiv-willkürlich. Und auch hier kommt es auf den Bindestrich an. Die Grenzen werden leider in der allgemeinen Rede über diese Dinge nie richtig erkannt und gezogen. So wird das Reden über Kunst und Literatur zu Blabla :'(

Werk und Schöpfer - sollte man das trennen? Lässt sich das überhaupt trennen? Teil II Ethische Aspekte

Im ersten Teil der Frage, habe ich auch ETHIK erwähnt. Dazu würde ich auch gerne die politische Bedeutung und Deutung eines Werkes zählen. Etwas salopp formuliert: schaffen anständige Menschen anständige Werke, oder um die Doppeldeutigkeit des Wortes «gut» für meine Zwecke zu nutzen: schaffen «gute» Menschen, «gute» Werke?
Wir können diese Fragestellung auch mit Blick auf Authentizität formulieren: Schafft jemand aus seinen Erlebnissen heraus automatisch künstlerisch wertvolle Werke?
Nein, gute Menschen schreiben nicht unbedingt gute Bücher, gute Autoren in der Regel schon ;) Die Kunst der Fehlinterpretation ist bei solchen Aussagen immer sofort auf den Plan gerufen: willst du damit sagen, dass gute Autoren keine guten Menschen sind?
:)))
Und schon ist eine Diskussion ad absurdum geführt. Von diesen Diskussionen gibt es viele in den Geistes- und Kulturwissenschaften, weil hier die Einsicht in die Dignität dieser Disziplinen und ihrer Gegenstände vollkommen fehlt. Das ist leider ein schwerwiegendes kulturelles Problem dieser Gesellschaft. Auch damit eröffnet sich ein ethisches und politisches Problem. Aber darüber wollte ich im Moment nicht schreiben. Zurück zum Thema:
Die HERMENEUTISCHE Trennung bezieht sich auf die Interpretationsgrundlage von Werken. Die ETHISCHE kann sowohl die Authentizität betreffen als auch die politische Korrektheit. Kann jemand über Dinge, die er selber nicht erlebt hat zum Beispiel, gute Bücher schreiben. Diese Frage würde ich bejahen: das Erlebnis ist kein Garant für eine gute Vermittlung des Erlebten. Das kann mal der Fall sein und mal eben auch nicht. Und politisch ist die Frage zugespitzt so: Können Autoren wie Heidegger und Gottfried Benn, ausgewiesene Na*z*i*s, gute Bücher geschrieben haben? Im Falle von Benn würde ich die Frage leichten Herzens bejahen, im Fall Heideggers fällt es mir schwer, was aber mit meiner subjektiven Einstellung zu Heidegger hat. Davon abstrahiert, ist diese Frage tatsächlich zu bejahen: Ernst Jünger, Heidegger oder Gottfried Benn sind Menschen, die gute Werke erschaffen haben. Aber ob sie als politisch denkende und handelnde Personen gute Menschen waren, vermag ich nicht zu beurteilen und bleibe zurückhaltend skeptisch mit Verlaub.
Nicht zurückhaltend bin ich in der Frage, ob man Werke aufgrund der biographischen oder ideologischen Verfehlungen von Menschen verdammen darf: NEIN, GANZ SICHER NICHT!
Das zeigt nur die eigene intellektuelle Beschränktheit.