Sechs Texte habe ich auf meine Frage aus dem Schreibhaus bekommen. Ich werde mich mit ihnen kritisch auseinandersetzen. Gibt es einen Text von dir, den du gerne mit mir kritisch erörtern würdest?

Uri aus dem Schreibhaus
Gut Ding will Weile haben, jetzt komme ich doch noch dazu, was zu schreiben. Das Einzige, was ich aber momentan (neben billigen Gedichten) anzubieten habe, wäre z.B der Versuch eines Essays á la Houellebecq:
Von der Bürde einen Körper zu haben (Ameisen im Universum)
Ein japanischer Serienmörder hat einmal vor seiner Hinrichtung gesagt, er würde im nächsten Leben gerne als Unkraut auf die Welt kommen, weil es sich nie ganz ausrotten lässt, egal was man tut. Angesichts seines bevorstehenden Todes scheint dem Mann klar geworden zu sein, auf was für einem wackeligen Fundament das Leben thront.
Der Körper ist eine ständig arbeitende Maschinerie, der früher oder später der Saft ausgeht. Wie jedes System besteht der Körper aus unzähligen Einzelteilen, die oft in parallel ablaufenden Prozessen arbeiten. Fehlt auch nur der kleinste Bestandteil oder sind die inneren Prozesse nicht perfekt aufeinander abgestimmt, kann es in der Folge zu großen Schäden kommen, auch Krankheiten genannt.
Dabei ist der Körper einem stetigen Verfall unterworfen, der höchstens gedämpft oder hinausgezögert werden kann. Man ist quasi der Inhaber einer kafkaesken Firma, deren inkompetente Mitarbeiter man ständig beobachten muss, um Schäden zu verhindern. Man ist zu Überstunden gezwungen und investiert einen Großteil seiner Zeit; dabei kämpft man doch nur - meistens vergebens - für ein Bisschen mehr Zeit, die man wiederum in seinen Körper investiert.
Viele Menschen gehen soweit, ihren Körper mit allen mitteln zu verschönern und ihn auszustellen, wie ein Objekt, weil sie begriffen haben, dass der Körper eine Ware ist. Sie wissen natürlich, dass der Wert ihrer Ware mit fortschreitendem Alter sinkt und ihr wirtschaftlicher Erfolg somit nur temporär ist. Andere Menschen verspüren von Anfang an eine natürliche nachvollziehbare Abneigung gegen ihre äußere Hülle und beharren darauf, im falschen Körper geboren zu sein. Wieder andere werden zu Bulimikern oder orientieren sich an völlig absurden Schönheitsidealen, um den unförmigen Fleischklumpen, der man ist, besser zu ertragen.
Es ist, als müsste man sich - völlig unfreiwillig - um ein behindertes Kind kümmern, das zu nichts fähig ist, mit zunehmendem Alter behinderter wird und das man nie aus den Augen lassen kann, weil jeder kleine Lufthauch, jeder kleinste Sonnenstrahl es umbringen- oder zumindest schwer verletzen kann. Stirbt das Kind, stirbt man selbst.
Fortsetzung folgt

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