Fortsetzung Körper

Dementsprechend ist es selbstverständlich, dass sie Menschen sich seit jeher einreden, sie würden wiedergeboren werden. Verständlich, dass man heute noch mancherorts an Alchimie glaubt und nach Mitteln zur Unsterblichkeit sucht. Zu niederschmetternd ist die Erkenntnis dass wir Ameisen im Universum sind, die sich in ihren kleinen inzestuösen Kolonien tümmeln und nichts begreifen.
Man mag nun dagegen argumentieren, dass der Körper gar so schlecht nicht sein kann, immerhin sei er doch die Voraussetzung für neues Leben, für die Erhaltung der Art und des so wichtigen Lebenszyklus. Darüber hinaus böte der Körper doch auch Genuss: Geschlechtsverkehr, Sinneseindrücke, der Genuss von Nahrung. Das alles ist aber Ansichtssache. Es wäre vermessen, davon auszugehen, dass alle Menschen den Lebenszyklus erhalten wollen und körperliche Genüsse sind genauso temporär, wie der Wert des Körpers.
Es heißt, der Mensch gewöhnt sich an alles; dabei gewöhnt er sich viel mehr gegen alles, um es mit den Worten des Schriftstellers Clemens J. Setz zu sagen. Der Geschlechtstrieb stumpft im Alter ebenso ab, wie auch die meisten anderen Triebe und Sinne. Wie hoch der Genuss älterer Menschen beim Verzehr von Nahrung ist, kann man sich vorstellen. Man ist froh, nicht zu verhungern.
Kurz, der Körper ist aus der Mode gekommen. Wir leben im Zeitalter des Internets; das heißt, wir müssen nicht mehr körperlich anwesend sein, Menschen am anderen Ende der Welt können unsere Stimmen hören und unsere Worte lesen. Beziehungen finden oft im Internet statt, wo jeder sich zunächst eine Identität konstruieren kann, ohne befürchten zu müssen, sofort auf den ungeliebten Körper reduziert zu werden. Man baut zuerst eine Bindung zueinander auf, bevor man seinen Körper enthüllt. Natürlich ist gerade das Internet eine Markthalle für den Körper als Ware, aber die Menschen können selbst bestimmen, was sie zeigen wollen und was sie lieber verhüllen.
Letztendlich hat Erasmus von Rotterdam die Zwickmühle grandios zusammengefasst, als er schrieb, dass der Geist uns zum Himmel hebt und das Fleisch uns nieder zur Hölle drückt.
Das größte Malheur ist es doch, zu wissen, dass der Mensch fast unbegrenztes Potenzial hat, dass er träumt und fantasiert und sein Geist kaum Grenzen kennt, außer dem goldenen Vogelkäfig des Körpers und der Endlichkeit - aber eine Grippe kann ihn umbringen.
So, das war's schon, ich hoffe, du kannst was damit anfangen, https://ask.fm/Schreibhaus. Bin für Verbesserungsvorschläge immer offen.

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