Beschreibe bitte dein Denken wie eine Stadt: wo ist der Stadtkern? Ist er alt und verfallen, oder renoviert, wo sind die Randgebiete, wo die Vergnügungsviertel, ein Hafen? Usw.

Uri Bülbül
Eine schöne Frage, Uri. Es wäre einfacher gewesen, das Denken als Stadt zu beschreiben und nicht, es wie eine Stadt zu beschreiben. Es wäre auch einfacher gewesen darauf zu antworten. Und dann noch sind es nicht etwa die Gedanken, die man umschreiben soll, sondern das Denken!
Vom Stadtkern, der, wie es der Name vermuten lässt, sich im Kern der Stadt befindet, gehen verschieden einladende und ausladende Gassen in die Ferne. Manche Enden sind zu sehen und wenn man die Gassen betritt, dann nicht um die Gasse zu durchgehen, damit das Ende erreicht wird, sondern um die Mauern zu mustern, welche die Gassen zu den Gassen machen. Sie sind alle sauber von Schmierereien und in einfachen, dunklen Farben gehalten. Sie bröckeln nicht und weisen keine Fenster auf. Aber man sieht sich die Mauern gerne an, versucht darin zu suchen, das nicht an ihnen ist. Und am Ende aller Gassen warten weitere runde Plätze, alle dem Kern in Allem gleich. Ein Brunnen umgeben von Bäumen umgeben von Asphalt und umgeben von Häusern. Die Einheimischen kennen die Stadt, haben sie zu lieben gelernt, weil sie im Grunde nichts zeigt: Keine schöne Bauten, keine Sehenswürdigkeiten keine Vergnügungsviertel. Und für Aussenstehende, die dennoch in der Stadt sind, wirkt sie chaotisch und erdrückend. Sie ist chaotisch und erdrückend. Aber die Einwohner finden sich ohne Probleme zurecht, ohne alle Gassen je gegangen zu sein. Aussenstehende gehen durch die Gassen, weil der Sinn einer Gasse ist durchgangen zu werden. Sie interessieren sich nicht für die faden dunklen Mauern. Es sind ja nur Mauern. Und sie sprechen nur, wenn man ihnen zuhört. Was etwas absurd ist, Uri, weil nichts da ist, dem man zuhören könnte. Es sind doch nur Mauern ohne metaphorischen Sinn, schaffen Innen, Aussen und Gassen.

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