Also stelle ich dir eine weitere Frage: Übe bitte geistesgeschichtlich fundierte Ideologiekritik am eigenen Denken - woher kommen deine Gedanken, welche Denktraditionen haben dich beeinflusst? Mein Fehler: Ich hätte direkter fragen müssen!

Uri Bülbül
Ideologiekritik ist ein heikler Begriff Uri, das ist uns beiden bewusst. Ideologiekritik lässt sich im Grunde vereinfacht so formulieren, dass ein eigenes Denken nicht möglich ist, da wir beeinflussbar sind und dementsprechend beeinflusst sind. Wenn man es weiter spinnt, so erkennt man, dass nicht ein Sein sondern das Sein selbst nicht in Wörter übersetzt werden kann. Auch der radikale Konstruktivismus beschreibt, dass die Wahrheit in Worten und Gedanken nicht wiedergegeben und gefunden werden kann, da der Mensch niemals unvoreingenommen sein können wird.
Weiter liegt es auch immer in der Natur der Wörter, ein Abbild zu sein. Eine Variable eines Seins, nie aber das Sein selbst. Warum denn sonst ist es dem Kind so schwer zu erklären, was denn Liebe sei, ja warum denn uns selbst?
Es ist also nachvollziehbar, dass gemäß des Modells der Ideologiekritik und der Position des radikalen Konstruktivismus meine Gedanken oder mein Denken nur ein Produkt aus psychologischen, erzieherischen und wahrgenommenen Hintergründen ist und ich deshalb nie unbeeinflusst ein Sein korrekt wiedergeben kann.
Aber was erwartet man hier anderes, Uri? Wenn ich nicht Produkt meiner Erfahrungen und Erinnerungen bin, dann bin doch nichts, dann ist kein Sein da, welches ein Sein zu beschreiben versuchen könnte. Mein Denken ist beeinflusst durch meine Eltern, durch die Aufklärer, durch Freunde und Lehrer - aber man muss wissen können, wann man selbst zu denken glaubt und wann man andere für sich denken lässt. Meine Gedanken kommen von mir, ich selbst bin Produkt meiner Psychologie, Produkt meiner Gedanken, Produkt meines Gehirns.
Meine Gedanken kommen von mir, sind allein meine und frei von Denktraditionen. Aber ich selbst bin in meiner Art Produkt, was nicht weiter verwunderlich ist, denn alles mit einem Bewusstsein ist Produkt. Eben der Rest aus Über-Ich und Es.
Du erkennst die Rhetorik hinter der Frage, was man erwarte und dahinter, dass es nicht verwunderlich sei. Radikaler Konstruktivismus und Ideologiekritik drücken Unzulänglichkeiten aus. Schwächen die offensichtlich sind, da es keine Alternativen gibt. Für mich sind beide folglich nur Binsenweisheiten.

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リザードン@Knoschka