Was bedeutet Schreibaufgabe?

Manche Menschen suchen Anlässe zum Schreiben; es können Themenvorschläge sein, Bilder und Fotos, zu denen sie Texte schreiben; es können Textfragmente sein, die fort- oder umgeschrieben werden; Anfänge von Geschichten, die sie fortsetzen können. Eigentlich sollte man hier in diesem Zusammenhang das Wort «Aufgabe» nicht zu eng und streng sehen; eine Aufgabe kann auch ein Anlass und eine Anregung sein, die das Schreiben zwar auslöst, dann aber der Autor / die Autorin ganz andere eigene Wege geht, als es sich vielleicht der Aufgabensteller gedacht hat. Streng genommen wäre dann die Aufgabe nicht gelöst, das Thema verfehlt oder ähnliches; aber das Schreibhaus ist doch keine Schule. Hier geht es um Anstöße für Kreativität; und Kreativität braucht zwar Kriterien -vor allem die Kritik der Ergebnisse bedarf der Kriterien- aber sie braucht bestimmt keine starren Regeln.
Im Schreibhaus bedeutet den Regeln zu folgen, sie im Wittgensteinschen Sinne anzuwenden. In jedem Satz, den wir bauen, folgen wir den Regeln der Grammatik; selbst in jedem Witz, den wir machen, folgen wir Regeln des Humors. Und Regeln verstehen heißt, sie individuell richtig anwenden zu können. Ich habe eine Regel dann richtig angewandt, wenn ich die Reaktion oder das Ergebnis erhalte, die bzw. das ich erhalten wollte. Wenn ich einen Witz mache, und damit bei allen ein Kopfschütteln ernte, ich aber ein Gelächter haben wollte, habe ich die Regeln nicht richtig angewandt. Es kann aber doch auch sein, dass ich genau Kopfschütteln haben wollte. Dann hätte ich alles richtig gemacht, da mein Witz zur Provokation dienen sollte und nicht zur Erheiterung. Und umgekehrt, wenn ich ein Gelächter dort erhalte, wo ich provozieren wollte, hätte ich auch etwas falsch gemacht.
Regeln sind also keine festen Kontext unabhängigen Elemente, sondern sie sind situations- und Kontext gebunden. Und so gibt es auch ästhetische und poetische Regeln der Literatur und des Schreibens. Wenn man diese aber wie Kochbuchzutaten behandelt: «man nehme zwei Figuren, die sich in Charakter und Typ unterscheiden; einen Konflikt usw.», hat man die Regeln der Poetik überhaupt nicht verstanden.
Diejenigen Handbücher für kreatives Schreiben, die solche und ähnliche Tipps geben, gehen einfach von konventionellen Standards beim Lesepublikum aus und denken, wenn dessen Gewohnheiten bedient werden, hat man als Autor größeren Erfolg. Aber selbst das konservativste Publikum möchte nicht einfach nur das Altbekannte, sondern auch etwas, wenn auch in vorsichtiger Dosierung, Neues, Unbekanntes, Innovatives.
Und noch eine Bemerkung zum Schluss: In der Kritik muss man Analytisches und Geschmacksurteile auseinander halten: Eine Kritik, die nur auf Geschmacksurteilen basiert, verfehlt ihren Begriff, da Geschmack weder normativ noch verallgemeinerbar ist. Kein Mensch muss Zwiebelsuppe mögen. Wenn jemand sagt: «Ich mag keine Zwiebelsuppe», ist es ein Geschmacksurteil; die Aussage: «Die Zwiebelsuppe ist versalzen» aber ein analytisches Urteil.

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