-2- Nun bleibt die Frage, welcher Umgangston ist normal? welcher akzeptapell? welcher nicht? Fragen über Fragen. Aber du kannst die Frage die du öffentlich beantworten wolltest, auch öffentlich beantworten.

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«Normal» ist, was innerhalb eines Bezugssystems als Norm gilt und eingehalten wird. Es kann sich auch ohne ausgesprochenes und aufgeschriebenes Recht oder vereinbarte Norm als «normal» eingestellt haben. Es gibt eben Regeln, die einfach praktiziert und von Individuen unbewusst übernommen, verinnerlicht werden, ohne dass man sie sich bewusst macht. Es ist normal, was in deinem Umfeld als normal angesehen und praktiziert wird. Und meistens ist das «Normale» so normal, dass man es gar nicht als solches wahrnimmt. Das «Normale» ist sozusagen auch das «Selbstverständliche» und über das eigentlich Selbstverständliche spricht niemand; wenn etwas als «selbstverständlich» ins Gespräch gebracht wird, ist das schon nicht mehr so sehr selbstverständlich; und über das Normale spricht man auch erst, wenn man mit etwas konfrontiert wird, was nicht als normal angesehen wird.
Die «Normalität» in der Literaturlandschaft und im Literaturbetrieb ist für mich nur bedingt akzeptabel: Ich weiß nicht, ob du dich an Marcel Reich-Ranicki erinnern kannst; aber der Tonfall der Kritik, den er angebracht und etabliert hat, hat im Grunde mit Kritik im ursprünglichen Sinne nichts zu tun. Es fehlt nämlich die Analyse, das Kriterium, mit dessen Hilfe ein Urteil differenziert gefällt werden und argumentativ belegt werden kann. Alles wurde zu einem Geschmacksdiktat eines selbst ernannten Literaturpapstes. Es war zum Teil unterhaltsam zu lesen, zu hören und anzuschauen, wenn sich dieser Literaturkritiker mit Autoren auseinander setzte. Aber im Grunde wurde nicht argumentiert, sondern einfach abgeurteilt.
Dadurch wurde Literatur insgesamt einer rationalen Ästhetik entzogen und zum Gegenstand reiner Geschmacksurteile gemacht. Das hat kapitalistisch den Vorteil, dass man irrational Trendsetting betreiben, Moden hervorrufen und durch Absatz von Massenware gute Geschäfte machen kann; hat den Nachteil, dass Kunst und Literatur zur Welterkenntnis und Erarbeitung von sensiblen Wahrnehmungsmustern und auch zur Gesellschafts- und Systemkritik nicht mehr recht taugen.
So wird auch das kreative Schreiben seines politischen und kritischen Potentials beraubt und zum lediglichen Unterhaltungsgegenstand degradiert. Meine Schreibhausphilosophie war einerseits für kritische Analyse, andererseits aber auch für die Bewahrung des Ästhetischen in der Literatur - das heißt: die Kunst sollte nicht irgendwelchen Botschaftszwecken untergeordnet werden. Sondern sie sollte ihre Autonomie gegenüber Politik ebenso behaupten wie gegenüber dem ökonomisch motivierten Unterhaltungszwang. Dieses kritische Potential hat leider das Creative Writing in Deutschland nie erreicht. Und man hächelte immer modischen Vorbildern von Bestsellern nach. Und da die Germanistik in den letzten zwanzig Jahren, statt Fortschritte zu machen, sich lieber zurück entwickelt hat in die «Wissenschaft», die eigentlich einen Reich-Ranicki überhaupt möglich gemacht hat, erhoffe ich mir aus der Universität auch keine große Hilfe mehr :(

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